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Freitag, 17. August 2012

Gedankenkarusell

Eigentlich habe ich noch ein paar selbstgemachte Sachen in der Hinterhand, die ich Euch gerne zeigen würde. Oder Leckereien, die ich gebacken und gekocht habe. Schöne Landschaftsbilder.

Aber irgendwie komme ich nicht dazu, denn meine Energie für solche schönen Sachen wird zunehmend vom Sorgenmonster aufgefressen. Gleichzeitig merke ich, dass ich immer gleichgültiger werde. Das ist eigentlich schlimm, denn ich denke, dass man nie gleichgültig werden sollte. Aber ich habe keine Kraft mehr wütend - traurig - verärgert zu sein.
Heute war der Tag, an dem die letzte offizielle Möglichkeit zum Vervollständigen der Bewerbungsunterlagen für die Weiterbildung gegeben war. Deshalb habe ich gestern (mal wieder) beim Migrationsverket angerufen. Nachdem ich über eine Stunde in der Telefonwarteschlange war, kam ich endlich durch. Nein, mein Gesuch wurde noch nicht bearbeitet. Es wurde noch nicht mal einem Sachbearbeiter zugeteilt. Im Moment ist die Wartezeit 7 bis 10 Monate. Ausnahme: Man ist schwanger oder chronisch krank. Letzteres bin ich zum Glück nicht und ersteres scheint auch grad nicht so passend (und schwierig mit einem Mann in Zentralasien ;-) ...). Soll ich nun fast ein Jahr ohne Krankenversicherung sein?! Noch dazu sitzt mir immer noch der Schreck in den Knochen nachdem mich letzte Woche eine (zu) alte Autofahrerin in der Stadt fast überfahren hatte. Ich habe bei der AOK angerufen und mich nach der deutschen Gesetzeslage erkundigt. Ich kann mich nur in Deutschland versichern, wenn ich dort einer versicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehe oder arbeitslos gemeldet bin. Und wie sollte das bitte gehen?!
Ich habe wieder Briefe geschrieben. Mir läuft die Zeit davon. Immer wieder bekomme ich Informationen zu spät. Es zermürbt mich.
Und ich kann meinen Mann nicht erreichen. Seit mehr als 5 Tagen ist sein Handy tot. (Nicht unerwartet, sie haben dort fern der Zivilisation ein Satellitentelefon dabei und ich mache mir nicht deshalb Sorgen). Ich werde nur zunehmend wütend auf ihn. Warum lässt er mich gerade jetzt allein?! (Ja, ich weiß, dass das sein Job ist - trotzdem!) Und ich habe heute wieder gemerkt, dass ich in Schweden überhaupt kein vollwertiger Mensch (mehr) bin.
Heute wurde nämlich das Internet abgeschaltet. Ich bin fast ausgeflippt!!! Meine Verbindung zur Außenwelt, zur Heimat, überhaupt. Ich habe dann dort angerufen. Angeblich hätte mein Mann das erst ab dem 1.9. wieder bestellt und unser Zwischenmieter hätte gekündigt (ja, aber zum 31.8.!). Dass ich die Personennummer meines Mannes wusste half nicht. Möglichkeit 1 - er würde persönlich anrufen und das ändern (Hallo, der ist grad irgendwo im Nirgendwo!). Über seine Frau liegen nämlich im nationalen Register keine Angaben vor. Nein, wie unerwartet... Irgendwann machte der fünfte Mitarbeiter, zu dem ich verbunden wurde, einen Fehler und ich habe ihn nicht aufgeklärt und deshalb ist das Internet nun wieder freigeschaltet. Meine Schwägerin, mit der ich dann telefoniert habe, hat sich krank gelacht, als ich ihr erzählte, dass mich der Servicemann für unseren französischen Zwischenmieter gehalten hat :)
Und irgendwie bin ich ein bisschen stolz auf mich, dass ich alles immer wieder irgendiwie löse. Schlupflöcher finde. Ausdauer habe. Nicht aufgebe. Aber soll ich Euch was sagen?! Ich habe absolut keine Lust mehr.
Ich mag nicht mehr tapfer, mutig und abenteuerlustig sein. Ich will, dass mein Mann heim kommt. Sofort. Ich möchte mir die Decke über den Kopf ziehen und drei Tage nicht mehr aufstehen. Ich möchte schreien: "Ja, ich habe verstanden, wie es für Asylbewerber - Flüchtlinge - Gastarbeiter ist. Ich weiß jetzt zur Genüge, wie ihr euch fühlt. Ich will ja eine gute Lehrerin sein, die Rücksicht auf interkulturelle Hintergründe nimmt. Ok, und vielleicht ist das eine Art Strafe, wenn man vom 08/15-Lebensmodell abweicht. Aber hört jetzt bitte einfach auf! Gebt mir eine Krankenversicherung. Gebt mir die Möglichkeit, ein Konto zu eröffnen und selbstständig zu agieren. Gebt mir meine Würde zurück. Ich habe verstanden, dass ich als Ausländerin in diesem Land unerwünscht bin und ich werde mich still und demütig verhalten. Aber bitte, bitte lasst diesen Non-Stop-Alptraum aufhören!"
Morgen kommt meine Freundin A. aus Deutschland und wird mich zumindest emotional ein paar Tage unterstützen.
Ach, irgendwie habe ich mir den Inhalt dieses Blog irgendwie anders vorgestellt. Na klar, ein paar Anekdoten vom Skatteverket wären schon vorgekommen. Aber so... Seufz

4 Kommentare:

  1. Hallo!
    Als ich damals ein halbes Jahr in Schweden gelebt habe (ja ein halbes Jahr ist nix gegen dein Abenteuer, aber ein paar Erfahrungen konnte ich dennoch sammeln) war ich durchaus in Deutschland versichert ohne einer Beschäftigung nachzugehen. Du kannst dich in Deutschland freiwillig versichern (nicht zu verwechseln mit der Privatversicherung). Und ich musste dann tatsächlich mehrmals ärztliche Dienste in Schweden in Anspruch nehmen, das war nie ein Problem mit der europäischen Krankenkarte. Ich habe dann im Krankenhaus sogar von denen eine vorläufige Personennummer bekommen.
    Ein Konto hatte ich damals bereits in Deutschland bei der SEB (die gibts ja in Deutschland und in Schweden) errichtet, das konnte ich dann in Schweden problemlos benutzen.
    Ich wünsche dir jedenfalls weiterhin ganz viel Kraft und Durchhaltevermögen.

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    1. Danke für deine lieben Tipps, aber leider kann ich mich nicht freiwillig versichern, da ich während des Studiums über meine Eltern privat versichert war und dann in den USA war. Das mit der SEB ist an sich eine gute Idee, so machten das auch viele während des Auslandsjahres. Grundsätzlich habe ich aber halt inzwischen auch andere Ansprüche als als Austauschstudentin...

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  2. Ich besuche Deinen Blog oft und lese von Deinen Sorgen. Irgendwie kann man das fast nicht glauben. Schweden ist doch DAS Urlaubsland und der Traum vieler, dorthin auszuwandern. Und Du schreibst von solchen, fast unmöglichen Geschichten. In südlichen Ländern würde ich diese Légèrheit irgendwie noch verstehen. Aber Schweden?
    Ich glaube, ich würde mal der Königin schreiben. Ist schliesslich eine gebürtige Deutsche. Und mehr als schiefgehen kann ja nicht. (ich habe auch mal einem Bundesrat geschrieben, wegen seiner Aussage im Radio, und prompt eine Antwort erhalten. Vielleicht funktioniert das ja mit Silvia auch...)
    Vielleicht zeigst Du hier wieder mal, was Du gerade werkst und erfreust Dich an den positiven Sachen Deines Alltags und vergisst dann für einen Moment Deine Sorgen.
    Ich wünsche Dir alles Gute
    Milena

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    1. Liebe Milena,
      danke auch für deine lieben Worte. Ja, das ist die Kehrseite dieses 'Traumlandes', die viele vielleicht nicht sehen können oder wollen. Es sitzt in diesem Land eine rechtsextreme Partei im Parlament, die Schwedendemokraten (netter Name...), und immer wieder berichtet die Presse von Mitarbeiterfeiern mit Torte, wenn ein Gesuch erfolgreich abgelehnt wurde. Und vielleicht habe ich auch wirklich einfach Pech und bei anderen läuft es besser/einfacher. Ja, ich lass mich nicht unterkriegen und zeige hier bald mal wieder was Schönes :)
      Alles Liebe!

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