Ich hole den dampfenden, duftenden, warmen Apfelstudel aus dem Ofen. Was für eine Freude, nun einen E-Herd zu haben, bei dem das Gas nicht ausgehen kann und nichts von unten her anbrennt. Ich stelle ihn zum Abkühlen auf den Tisch. Dabei fällt mir auf, wie dunkel die Wolken sich am Himmel zusammenziehen. Es dauert nicht lange und die ersten schweren Tropfen klatschen ans Fenster.
Ich koche mir eine Tasse Tee und freue mich an meiner Souveniertasse, die aus den Untiefen der Kartons aus Bayern wieder aufgetaucht ist. Eine Tasse, die mich an Schweden als Urlaubsland erinnert. Es tut gut, manchmal an die Wahlheimat aus einem anderen Blickwinkel zu denken.
Während der Tee zieht, gehe ich schon mal nach oben, in die Werkstatt und schalte die Lampe ein, die mir mein Mann vor seiner Abreise in die schwedische Arktis noch aufgehängt hat.
Entschlossen hebe ich auch endlich den Nähmaschinentisch von seiner Müllsackunterlage und schiebe einen Teppich drunter. Das schaut doch gleich anders aus, sage ich zu mir selbst und muss lachen, weil ich nun schon mit mir selbst rede, nach nur einer Woche allein im Haus ;-)
Mein Blick fällt auf die leere Pinnwand und ich hole Postkarten, Lieblingsstoffstreifen und eine Anleitung, die ich bald umsetzen will, und hänge alles auf. Es schaut gleich bunter und bewohnter aus.
Inzwischen ist der Tee fertig, ich hole ihn nach oben. Dabei fällt mir ein, dass ich ja auch noch einen Stuhl brauche. Die Wahl fällt mir nicht leicht, ich versuche es mal mit einem Holzstuhl und Kissen. Ich setze mich zur Probe hin, es ist weich und genau die richtige Höhe.
Schon will ich loslegen, alle Vorbereitungen sind getroffen, da fällt mir ein - Musik, Radio, Podcasts! Nähen im stillen Kämmerlein, das geht mal eine Stunde für mich. Nähen allein im großen Haus, nur mit guter Unterhaltung. Die alten Lautsprecher des Mannes aus Studienzeiten, mein alter Discman (die späten 90er grüßen!) und ein Kabel fürs Handy, jetzt kann es wirklich losgehen...
Ich lege eine CD in den Discman. Es ist Musik, die ich in dem Sommer hörte, der mein letzter als Austauschstudentin in Schweden war. Ich war soo verliebt in diesen jungen Forscher, ein Schwede, der mir Herzklopfen verursachte, wie kein anderer, ich hatte so viel Herzschmerz, reiste doch ich auf Exkursion in die schwedische Arktis und danach würde ich ihn nie wieder sehen.
Sieben Jahre später wohne ich jetzt mit diesem Schweden in einem blauen Holzhäuschen, ich bin immer noch soo verliebt und ich bekomme Herzklopfen, wenn ich daran denke, dass er endlich, endlich am Ende der Woche nach langen 14 Tagen wieder nach Hause kommt. Ich habe Herzschmerz, weil ich denke, dass wir während unserer Beziehung zwischen Ländern und Kontinenten viel zu viel Zeit getrennt waren und es manchmal noch sind. Jetzt haben wir aber nun unser Haus, wo wir beiden nun gemeinsam wohnen. Hätte ich das damals gewusste, hätte ich nicht frierend in einer Holzbaracke mit dem Discman und Kopfhörern im Ohr in Endlosschleife Lied Nummer 7 hören müssen ;-)
Sorgsam breite ich den weichen Cordstoff auf dem großen Tisch aus, streiche ihn glatt. Langsam und sorgfältig stecke ich die Jeanshosenteile auf und schneide zu. Bei Lied Nummer 7 setze ich mich an die Nähmaschine. Ich spule den Faden auf die Unterspule und muss tatsächlich im Handbuch nachlesen, wie man die Zwillingsnadel einfädelt. So lange habe ich schon nicht mehr genäht!
Und mit einem Mal sitze ich nun in meiner Werkstatt, ruhig und entspannt. Draußen trommelt der Regen ans Fenster, die Musik macht mir gute Laune und ich beginne zu nähen. Ich nähe eine weitere Hose für den Mann. Mit einem Mal fühlt sich stimmig an, hier in der Werkstatt zu sitzen. Stimmig auch, als erstes Stück eine Hose für den schwedischen Forscher mit den eisblauen Augen zu nähen, der meine Handarbeit so schätzt. Bis er dann nach Hause kommt, wird die Hose wohl fertig sein.
Was für eine süße Herzgeschichte hast du da so schön beschrieben... Ich kenne das Warten, jede Woche mindestens fünf Tage, diesmal 12..., aber mit einem Spaziergang draußem, mit heißem Tee, einer feinen Beschäftigung, lieben Gedanken - es geht, und die Freude wärmt. Lieben Gruß Ghislana
AntwortenLöschenWelch wunderschöner Eintrag! Und die vielen farbenfrohen Bilder dazu - ich freue mich über diesen herzerwärmenden Eintrag! :-)
AntwortenLöschenViele Grüße
Elena
Uh . . jetzt habe ich Gänsehaut bekommen, dein Post ist eine durchgehende Liebeserklärung an deinen Mann und deine NEUE Heimat. Schön, wenn man so etwas erleben
AntwortenLöschenIch wünsche dir weiterhin alles Gute und schicke
♥liche Grüße
Ich schließe mich den schönen Worten von Jutta.K an. Genau diese Worte dachte ich beim Lesen und Betrachten deiner schönen Bilder.
AntwortenLöschenAlles Liebe
Gerade habe ich nochmal Deinen wunderbaren Beitrag durchgelesen. Sicher wird die Hose wieder eine Lieblingshose von Deinem Mann.
LöschenDie Anleitung an Deiner Pinnwand habe ich mir vor einigen Tagen auch ausgedruckt und das erste Buch welches man gut erkennen kann findet man auch bei mir.Was für ein Zufall.
Lasst Euch Deinen wunderbaren Apfelstrudel schmecken.
Alles Liebe
Ich bin ganz verliebt in diesen Beitrag von dir! Schön, dass du so fühlst! :-)
AntwortenLöschenWie heimelig es bei Dir ist!! Und Dein Beitrag wunderschön geschrieben! Und ohne Musik oder Hörspiel kann ich nicht nähen;) Ein alter CD Player aus alter Zeit und zwei Boxen, wie bei Dir!
AntwortenLöschenGanz wunderbare Stunden in Deinem gemütlichen Reich und ein glückliches Wiedersehen mit Deinem Mann!
Herzlich Rita
Liebe Barbara,
AntwortenLöschenja auf so eine schöne Geschichte habe ich schon gewartet.
Ich freue mich so für dich, dass du dich so geerdet fühlst,
so wohl fühlst. Als wir unser Haus erst kurz hatten, mußte mein Mann
auch immer wieder für mindestens einen Monat, manchmal auch länger
beruflich weg. Viele Verwandte wollten sich meiner "erbarmen" und mich
einladen ein wenig Zeit bei ihnen zu verbringen bzw. auch dort zu nächtigen,
aber ich habe unser Haus "gehütet" und von dieser Zeit zeugen noch viele
gestrickte und gehäkelte Decken, ein (noch immer wieder getragener) Alpaka-
Pulli für meinen Mann und zwei (n i w g) selbstgenähte Dirndl und v.m.
Ich wünsche dir, daß du die Hose fertig bringst bis dein Mann "heimkommt".
Alles Liebe
Wane
Obwohl Du gerade allein bist in eurem noch neuen Zuhause bist, klingt es einfach GUT! Wie schön!
AntwortenLöschenLiebe Grüße,
Karen
Ach Barbara, das klingt wunderschön. Wie schön, dass dieser Schwede jetzt nun dein Mann ist und ihr sesshaft werden könnt. So ähnlich erstaunt denke ich auch manchmal an die Zeit zurück =)
AntwortenLöschenDie Hose sieht toll aus. Du zeigst sie doch sicherlich noch, ja?
Schön, dass du jetzt auch endlich Zeit gefunden hast, deinen Nähplatz einzuweihen.
Alles Liebe,
Kathrin
Ich freue mich riesig für dich! Das klingt alles so stimmig...
AntwortenLöschenHerzlicher Gruß
Steffi
Ich musste mir grad mal ein Tränchen aus dem Augenwinkel wischen - so eine schöne Geschichte! Liebe bayerische Grüße, Christine
AntwortenLöschenWunderschöner Beitrag.Danke fürs Niederschreiben.
AntwortenLöschenLiebe Grüsse
Christa