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Freitag, 12. Oktober 2012

Wandertagebuch: Wissenschaftlich betrachtet

Im Moment lese ich gerade dieses Buch hier. Eigentlich 'nur' für die Weiterbildung, dann hat es mich immer mehr persönlich interessiert. Ich therapiere mich jetzt quasi selber... *lach*
Das Buch heißt übersetzt ungefähr Vom Aufbrechen und Länderwechsel. Es beschreibt verschiedene Migrationsaspekte in Schweden im Besonderen und die psychologischen Begleiterscheinungen im Allgemeinen. Es beginnt mit einem kurzen geschichtlichen Exkurs über die tausende von Schweden, die nach Amerika ausgewandert sind. Dann wird die Terminologie abgehandelt: Wie darf man uns heute nennen? Ausländer? Einwanderer? Auswanderer? Migrant? Besonders nett fand ich die Überlegung, Menschen, die der Liebe wegen kommen, entsprechend auch kärleksmigranter zu nennen, Liebesmigranten also :)
Nun bin ich beim psychologischen Teil angekommen. Dabei gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Zuerst habe ich vieles nur auf meine zukünftigen Schüler angwandt. Wie geht es ihnen, wenn sie mit 10 Jahren plötzlich ins kalte, finstere Schweden kommen?! Beim zweiten Lesen merkte ich aber auch, hm, hier geht es ja auch irgendwie um mich. Wenn man plötzlich einen Stempel verpasst bekommt: 'Einwanderin', und daneben gibt es irgendwie keinen Platz mehr für anderes. Ich bin keine Lehrerin mehr, sondern eine ausländische Lehrerin. Ich bin nicht Ehefrau, sondern die ausländische Ehefrau von J. Geht dieser Stempel jemals wieder weg?!
Und schließlich ist der ganze Migrationsprozess eine einzige Krise. Nicht in der alltäglichen Bedeutung, sondern mit der Bedeutung, dass man sich plötzlich in einer Lebenssituation befindet, in der die eingelernten Reaktionen und die früheren Erfahrungen nicht mehr ausreichen oder passen um die aktuelle Situation zu verstehen und zu meistern. Das drückt genau das aus, was mich oft so wütend und traurig macht. Meine Fähigkeiten und Erfahrungen, mit denen ich in Deutschland das Leben ganz galant meistern würde, die reichen hier nicht aus, sei es weil die Sprache nicht reicht, oder weil man hier eine andere Lebensphilosophie hat.
Die Krise besteht aus vier Phasen, in der ich mich vermutlich in der zweiten befinde, der Reaktionsphase. Neben Trauer und Schuld (den Zurückgebliebenen gegenüber), zeichnet sich diese Phase auch dadurch aus, dass man grundsätzlich alles in Frage stellt, man ist leicht reizbar und aggressiv. Müdigkeit und Stimmungsschwankungen sind ebenfalls Begleiterscheinungen. Diese Phase kann ungefähr ein halbes Jahr, individuell auch länger dauern. Anschließend kommt die Reparationsphase, die sich aber nicht gleich anschließen muss, sondern man kann auch eine Zeit lang zwischen den beiden Phasen hin und her wechseln. Für die Reparationsphase ist charakteristisch, dass man die Gefühlsausbrüche besser lenken kann, hin zu 'Jetzt mache ich das Beste aus der Situation'. Man verfügt wieder über mehr Energie, man kann sich dazu aufraffen, neue Menschen kennen zu lernen.
Was mir so gut tat beim Lesen, das war das Aha-Erlebnis, dass ich doch noch ganz "normal" bin. Noch nicht hysterisch oder abgedreht. Nein, ganz normal. So lange dauert das mindestens im Schnitt für jeden, egal ob Flüchtling oder kärleksmigrant. Ich muss mich jetzt also nicht mehr selbsterzieherisch aufforden, nicht so eine Heulsuse zu sein, sondern ich darf mich noch ein bisschen dem Ankunftsschmerz hingeben... Wobei es ja grundstätzlich - wenn auch mit Aufs und Abs - nach oben geht! :)
Und sonst so?
Ich hadere ein bisschen mit der Weiterbildung, weil ich mich etwas unterfordert und veräppelt fühle (also konkret in einem Seminar, die Vorlesungen sind interessant).
Mein Mann hat seine Flüge gebucht und wird ab Ende Oktober wieder für 5 Wochen unterwegs sein.
Ich darf nächste Woche eine 4. Klasse begleiten, darauf freue ich mich schon sehr!
Und ich finde so eine Art Rhythmus.
Außerdem haben wir heute Brillen für mich ausgesucht und bestellt, damit ich auch sehe, wohin ich losmaschiere :)

1 Kommentar:

  1. Auch wenn das für dich gar nicht lustig ist, aber mich erheitern die schwedischen Worte für all diese Situationen/Zustände (wie soll man das nennen?). Es ist vermutlich überall das gleiche. Ich ärgere mich gerade mal wieder, dass meine Älteste als "Kind mit Migrationshintergrund" im Kindergarten läuft, obwohl sie vermutlich die einzige ist, die "Deutsch" kann neben dem hiesigen Dialekt. Aber sie muss (auf dem Papier zumindest) speziell gefördert werden. Dass ihre Muttersprache sowieso deutsch ist, hat noch keiner auf dem Amt gecheckt. Da geht es nur um den "merkwürdigen" Nachnamen (Zitat aus dem Telefonat). Manchmal frage ich mich auch, ob die Kinder diesen "Stempel" jemals los werden, dass wir nicht "100% Austria" sind :(
    Alles Liebe. maria
    P.S. Ist der Elch von einer aktuellen Kreativarbeit von dir?

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