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Mittwoch, 22. Januar 2014

Pisa-Schock in Schweden – Teil 1

Staatsminister Reinfeldt und Bildungsminister Björklund tragen eine känkelnde Schule


Vor Weihnachten kamen die Ergebnisse der Pisa-Studie aus dem Jahr 2012 auf den Tisch und sorgten in Schweden für den gleichen Schock wie in Deutschland 2001: „Sind wir wirklich soo schlecht?!?!“
 
Auch wenn man über Forschungsmethoden und die Schwächen der Statistik bei PISA diskutieren mag, eines kann man in Schweden im Moment nicht wegreden: Die schwedischen Schüler liegen in allen drei Bereichen (Mathematik, Naturwissenschaftliche Fächer und Leseverständnis) unter dem OECD-Durchschnitt. Das ist nicht nur ein herber Schlag für das Lieblingsvorbildland der deutschsprachigen Schulpolitiker, nein, auch eben jene werden sich in Zukunft wohl nach einem anderen Bildungsreiseland umsehen werden (Finnland vielleicht?!).

Das ganze Thema ist sehr, sehr komplex, aber es scheint zu interessieren und deshalb werde ich heute in einem ersten Teil einmal das schwedische Bildungswesen allgemein vorstellen.

In der Regel beginnen schwedische Kinder mit 1-2 Jahren in der förskola, die umgangssprachlich immer noch dagis genannt wird, vom früheren Begriff daghem. Um das ganze aber aufzuwerten hat man sich entschlossen, eben den Begriff förskola zu verwenden. Mit sechs Jahren kommen dann die Kinder an die Schule, dort aber erst mal in einer förskoleklass, eine Vorschulklasse. Dort gibt es noch viel Spaß und Spiel, aber auch schon Sprachspiele und andere vorbereitende Aktivitäten. In der Regel ist die Vorschulklasse schon im Schulhaus. Mit 7 Jahren beginnen dann die Kinder die 1. Klasse. In Schweden gibt es keine frühzeitige bzw. verzögerte Einschulung, sondern alle Kinder eines Kalenderjahres beginnen in dem Jahr, in dem sie 7 Jahre alt werden. In Deutschland oder anderen Ländern gibt es ja so Stichtage wie 31. Juli oder 31. August.
Schwedische Kinder gehen 9 Jahre gemeinsam in die grundskola, die in drei Jahrgangsstufengruppen eingeteilt wird: Unterstufe 1-3, Mittelstufe 4-6 und Oberstufe 7-9. Ab der 6. Klasse bekommen die Schüler Noten. Bis zur 5. Klasse erfolgt die Bewertung durch Drei-Parteien-Gespräche, zu denen sich Schüler, Eltern und Lehrer einmal pro Halbjahr treffen. Anschließend schreibt der Lehrer eine Beurteilung/einen individuellen Entwicklungsplan. In der 6. Klasse erhalten die Schüler dann erstmals eine Zensur von A bis F, wobei A am besten ist.
Nach der 9. Klasse wechseln 88% (Reichsdurchschnitt) der Schüler auf ein Gymnasium. Das kann entweder ein auf die allgemeine Hochschulreife vorbereitendes Gymnasium sein, oder ein berufsvorbereitendes. Nach der 12. Klasse erhalten die Schüler ihren „Studenten“, d.h. das Reifezeugnis und eine Studentenmütze, was lebhaft gefeiert wird.

Was der schwedischen Schule wohl eigen ist, ist eine Entwicklung seit den 90er Jahren, die das Schulsystem mehr oder weniger den Mechanismen einer freien Marktwirtschaft unterworfen hat. Das Schlagwort ist die „Wahlfreiheit“ für Eltern und Schüler. In Schweden gibt es kein Verbot gegen Gewinne im Wohlfahrtsbereich, was dazu führt, das u.a. deutsche (!) Risikokapitalisten in das schwedische Schulsystem investieren – nicht um die Bildung zu verbessern, sondern um Geld zu verdienen. Bereits viele Oberstufenschulen (Grundschulen nur mit Klassen 7-9) buhlen mit auffälliger Werbung um Schüler, denn mit jedem Schüler kommt das Geld. In Schweden ist das Schulgeld aus den Steuereinnahmen nämlich zum Großteil an den Schüler gebunden und deshalb geht Quantität (Schülerzahlen) oft auch vor Qualität. Die Wahl des Gymnasiums ist zu einem Schaulaufen der Schulwirtschaft geworden. In den Messezentren der größeren Städte gibt es Gymnasiums-Messen, auf denen um die Schüler geworben wird. Und zwar weniger durch besondere pädagogische Profile, sondern durch die Aussicht auf einen eigenen Laptop oder eine Studienreise in die Karibik. 

Es gibt auch kein Schulsprengelsystem, so dass sich die Eltern (außer in den dünnbesiedelten Gebieten) frei um Schulplätze an den Grundschulen bewerben können, auch wenn das Kind längere Reisewege in Kauf nehmen muss. Ein Wohnort nahe der Schule ist aber trotzdem immer noch ein stärkeres Argument für die Zuteilung eines Schulplatzes, was in Stockholm beispielsweise solche Blüten treibt, dass Eltern schon vor Geburt des Kindes eine Wohnung in der „richtigen“ Straße kaufen, um dann bei der Schulwahl 7 Jahre später in der 1. Reihe zu stehen. Ansonsten gibt es Wartelisten.
Die Kehrseiten der „Wahlfreiheit“ sind extreme Segregation oder ein finanzielles Fiasko bei den Großkonzernen (Artikel des schwedischen Radios auf deutsch!).

Teil 2 – Ein schwedischer Schultag in der Mittelstufe folgt bald :)

1 Kommentar:

  1. Hallo! Ich bin gerade in einem Kommentar (http://schwedische-gardinen.blogspot.se/) auf Deinen Blog hingewiesen worden und da ich mich im Moment ebenfalls mit dem schwedischen Schulsystem rumschlage, bin ich von Deiner dreiteiligen Serie sehr begeistert. Ich habe ähnliches in meinem Blog vor, aber in etwas anderer Ausprägung. Dürfte ich deshalb auch auf Deine Beiträge verlinken??? Und ich würde Deinen Blog gerne in meine Blogroll aufnehmen??? Viele Grüße aus Stockholm (fast jedenfalls ;o) )

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