Man möchte es ja kaum glauben, aber nun ging auf einmal alles ganz schnell. Die UT-Karte kam an und nur 6 Tage später meine Personennummer! Eigentlich müsste ich mich riesig freuen, und ich freue mich ja auch, aber die Anspannung will einfach nicht weggehen. Ich trinke Entspannungstee, bemühe mich um regelmäßige, ruhige Tage und versuche mich an dem immer noch relativ schönen Herbstwetter zu erfreuen und viel draußen zu sein. Trotzdem schlafe ich schlecht, träume die komischsten Träume und muss mir eingestehen, dass es nicht reicht, eine Aufenthaltserlaubnis-Karte zu bekommen um anzukommen.
Aber ich habe immerhin das Basislager erreicht, wenn man in der Berg-/Wandersprache bleiben will. Die rechtlichen Voraussetzungen sind geschaffen. Ich kann ganz sicher nun meine Weiterbildung angehen, nichts wird mich da mehr aufhalten. Ich darf mir Arbeit suchen und kann vielleicht bald anfangen, ein Traum-/ Geheimprojekt zu verwirklichen.
Allerdings ist das 1. Basislager auch nur ein Zwischenstopp, kurz zum Atemholen. Dann geht es weiter. Es muss noch viel erledigt werden. Neue Anträge wollen geschrieben werden. Aber ich bin müde.
Ich bin müde, nicht nur, weil ich schlecht schlafe, sondern auch, weil ich vielleicht schon zu lange auf Wanderschaft bin. Nachdem meinem Mann und mir klar war, dass wir es auch über die Fernbeziehung hinaus versuchen wollen, suchten wir nach einer Möglichkeit, wo wir zusammen ziehen konnten. Es war die USA. Im Nachhinein eine dumme Idee, wie ich finde. Zu viele Kompromisse und zu weit weg von beiden Familien. Zu unseren beiden Muttersprachen kam eine dritte Sprache. Totales Sprachwirrwarr. Auch dort das ganze Neuanfangsprogramm mit Wohnung einrichten, Anträge, soziale Netzwerke finden usw. Und dann einsehen, dass das Ganze so nicht geht. Die Idee, dass beide Partner wo fremd sind, ist vielleicht gut, war aber für uns nicht durchführbar. Es endete damit, dass ich manchmal 7 Tage oder mehr nicht ein einziges deutsches Wort gesprochen habe (gelesen und geschrieben schon), da wir zu Hause schwedisch sprachen und außerhalb englisch. Natürlich versucht man, dass man das gerecht aufteilt, so versuchen wir es auch hier in Schweden - ein Tag schwedisch, ein Tag deutsch. Aber es funktioniert nicht, denn der Wortschatz meines Mannes ist zu begrenzt (und ich habe zu wenig Disziplin in der Richtung). Es nervt mich dann, einen ganzen Tag lang 'Babysprache' zu sprechen. Da ist es dann auch für mich einfacher, wieder ins Schwedische zu wechseln. Ein Teufelskreis. Etwas Besserung erhoffe ich mir von meinem (neuen) Internet-Radio. Ich höre jeden Tag ein, zwei Stunden deutsche Radiosendungen und hoffe, dass der Klang der deutschen Sprache auch bei meinem Mann etwas auslöst, aber ich glaube, meistens ist es nur Hintergrundberieselung. Und ich muss wohl einsehen, dass nicht jeder sprachbegabt ist. Er hat seine anderen Begabungen, das ist ok so. Ich wollte eigentlich auch nur sagen, dass es extra anstrengend ist, immer in fremden Sprachen zu kommunizieren. Und dass ich mir oft so dumm (und/oder ohnmächtig) vorkomme, wenn ich, wie gestern beim Frisör, nicht auf schwedisch ausdrücken kann 'die Haarspitzen sind kaputt' sondern auf 'da unten wurde es komisch und dünn' ausweichen muss.
Hm, jetzt bin ich in die "Sprachgeschichte" abgeschweift (oder heißt es abgeschwiffen?), eigentlich wollte ich nur sagen, dass zweimal Neuanfang innerhalb von 12 Monaten ganz schön kräftezehrend ist. Andererseits erlaube ich mir selber nicht, dass ich mir Zeit nehme (und Geduld ist nicht meine Stärke...). Denn etwas treibt mich innerlich an, dass ich ENDLICH ankommen will. Ich will nicht im Basislager verbleiben und warten, dass die anderen von tollen Gipfelerlebnissen zurückkommen und mir davon erzählen. Ich will selber weiter. Und gleichzeitig bin ich müde.
Allerdings sollte man nicht unterschätzen, wie gut ein Frisörbesuch und neue Herbstschuhe tun. Nach etwas 'Kopfwäsche/-belüftung' und mit neuen Schuhe ist man gut gerüstet für eine neue Etappe...
Liebe Barbara,
AntwortenLöschenich kenne dich nur aus dem, was du schreibst, von daher kann ich das völlig falsch interpretieren.
Ich habe den Eindruck, dass du ein Mensch bist, der sehr hohe Ansprüche an sich stellt, sehr zielgerichtet ist und zugleich durchaus auch perfektionistisch ist.
Das, was du gerade meisterst, schaffe manche vermutlich nicht einmal in der doppelten Zeit!
Achte auf dich, lass dir wirklich Zeit und freue dich an dem, was dir alles gelingt und schon gelungen ist.
Ich erkenne mich in manchen deiner Zeilen durchaus wieder, auch wenn ich ein völlig anderes Leben lebe und ich muss es immer wieder aufs Neue lernen, nicht zu anspruchsvoll mit mir selbst zu sein.
Wer hat schon den Mut zweimal innerhalb eines Jahres einen völligen Neustart zu wagen?
Ich hoffe, du kannst die Zeit im Basislager bald besser genießen und den Weg zum Gipfel in aller Ruhe antreten.
Viele liebe Grüße, Kathrin
Liebe Barbara!
AntwortenLöschenIch kann Deine Gedanken und Gefühle so gut nachvollziehen. Bei mir gab es in den letzten 5 Jahren 4 Umzüge mit 2 Neubeginnen. Nun steht noch eine Wahnsinnswoche mit Handwerkern und Dreck an (und das alles mit einem Kleinkind). Und dann kann Ruhe einkehren. Ich denke, bei Dir fängt es nun auch langsam an, in gewissen Bahnen zu laufen, und die Müdigkeit kommt, weil Dein Körper Dich nun zwingt, ein bissl zur Ruhe zu kommen.
Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du DEIN Tempo und das dafür nötige Gleichgewicht zwischen zur Ruhe kommen und Weitergehen findest, für Deinen Weg, für Dein Ankommen.
Fühl Dich gedrückt, alles Liebe, Martina :-)
Bei uns ist es etwas "sauberer" getrennt, sprachlich, könnte man sagen. Einfach, weil meine Sprachkenntnisse dermaßen begrenzt sind, dass Deutsch einfach unsere Alltagssprache ist. Aber ich merke, wie ich mit den Kindern dazu lerne, weil mein Mann mit ihnen fast nur in seiner Sprache spricht. Und langsam gibt es ein bisschen Babylon hier am Tisch. Weil ich auch mal mit traue, nicht auf Deutsch zu antworten oder die Kinder auch mich nicht auf deutsch anreden. Wenn Landsmänner meines Mannes hierher zu Besuch kommen, merke ich, wie wir doch letztlich alle die gleichen "Probleme" haben in "gemischten Beziehungen", jeder in der Färbung der eigenen gemeinsamen Geschichte, aber doch irgendwie ähnlich.
AntwortenLöschenFalls es dich tröstet, ich war mal in den Ferien, als wir bei meinen Schwiegereltern waren auch beim Friseur. Ich hab mich so falsch ausgedrückt, dass ich mit Lockenwicklern plötzlich da saß. Statt mit Stirnfransen :(
Deine Schuhe find ich wunderbar!!!! Du wirst sehen, mit denen geht es sich ganz fein durch den Herbst. Auch in Schweden :)
Alles, alles Liebe. maria
Liebe Barbara!
AntwortenLöschenSprachprobleme in der Ehe kenne ich natürlich nicht - ausser dem Problemchen Frauensprache-Männersprache.... ;-)
Aber ich kann mir sehr gut vorstellen wie schwierig alles für dich ist. Wie gut du alles meisterst und was du nicht schon alles geschafft hast! Natürlich bist du erschöpft (emotional), das braucht seine Zeit, auch dass man sich in einem neuen Land wirklich zuhause fühlt wird dauern und und und. Aber du bist auf dem richtigen Weg ! und nur das zählt! Das Wichtigste hast du schon "gefunden": du weißt was du willst, du kennst deine Stärken, du hast die Liebe deines Lebens geheiratet - alles andere wird sich finden ..... Gib dir Zeit! Und glaub an dich!
Alles Liebe, Karin