Zwischen den Jahren hat der Nachbar meiner Schwiegereltern den Freitod gewählt. Wir jüngeren, wir kannten ihn kaum oder gar nicht persönlich. Aber man kann sein Haus sehen, einsam am Waldrand. Auch er lebte allein und zurückgezogen, jedoch seine Söhne in der Nähe. Er war Jäger, ging oft in den Wald und räumte mit dem Traktor die lange Zufahrt zu meinen Schwiegereltern vom Schnee frei.
Auch wenn ich den Mann nie persönlich getroffen habe, so hat mich dieses Ereignis in so unmittelbarer Nähe erschüttert und nachdenklich gemacht. Fragen tauchen auf, ich umarme meinen Liebsten noch öfter und zünde noch bewusster mehr Kerzen an, mache Licht, auch wenn es erst dämmrig ist, versuche einmal am Tag an die frische Luft zu kommen.
Man kann über die Motive für einen solchen AusWeg nur spekulieren, sicher ist es eine ganz persönliche, individuelle Mischung vielleicht auch zusammen mit einem spezifischen Krankheitsbild. Aber ich bin dennoch überzeugt, dass der schwedische Winter mit seiner erbarmungslosen Dunkelheit sicher dazu beiträgt. Die düsteren Gedanken und Bilder, die schwedische Mentalität, das sich Zurückziehen im Winter (man denke nur an die schwedischen Krimis und andere Literatur), das kommt nicht von ungefähr.
In diesem Jahr ist der Winter - und die Dunkelheit - besonders unbarmherzig. In den größten Teilen des Landes liegt immer noch keine richtige Schneedecke. Die Tage sind grau und die langen Nächte extra dunkel. Kein Schnee, der reflektiert, keine Sterne, die durch die Wolkendecke zum Vorschein kommen.
Der Jahr für Jahr wiederkehrende Winter mit seinen dunklen Wochen ist eine Herausforderung und eine Belastungsprobe. Unsere Gedanken sind in diesen Tage öfter bei der Familie des Nachbarn. Und beim Nachbarn. Ich hoffe und bete, dass er nun seinen Frieden gefunden hat. Wir denken an jene, die in diesen dunklen Wochen alleine und zurückgezogen leben.
Und ich, für mich ganz persönlich, - ich nehme die Herausforderung dieses extra dunklen Winters an: Tag für Tag lese ich die Sonnenauf- und untergangszeiten in der Zeitung und freue mich über jeden Schritt, den wir geschafft haben (auch wenn wegen Wolken unsichtbar): Inzwischen wieder Sonnenuntergang kurz nach 15 Uhr und Sonnenaufgang kurz vor 9 Uhr. Mir Zeit nehmen für Gespräche, Zweisamkeit und gutes Essen für die Seele. Die Lichtblicke bewusst genießen, in den paar Sonnenminuten Pause machen, das Gesicht bewusst in die Sonne halten, die Augen schließen und sich wärmen lassen. Die weihnachtliche Gemütlichkeit noch ein bisschen verlängern (Glühwein, Schokoleckerl, Nüsse) um dann Ende Januar umso bewusster und schneller in den Vorfrühling zu starten.
Passt auf Euch und eure Lieben auf!
Das macht nachdenklich, was du schreibst... und mir würde die viele Dunkelheit sicher auch nicht immer behaglich sein. Es gibt soviele Lichtblicke am Tag, manchmal auch nur ganz klein und versteckt. Manchmal muss man sie suchen und sich bewusst machen. Wahrscheinlich immer wieder auf ein neues, vor allem wenn es dunkler ist.
AntwortenLöschenDer Schnee fehlt mir gerade überhaupt nicht, keine Ahnung warum. Aber dir wünsche ich ihn, das er die Stunden ohne Sonne etwas funkelnder und heller macht. :-)
Liebe Grüße Stefanie
Ja, das macht sehr nachdenklich..Es tut mir sehr leid für diese Familie. Auch bei uns ist kein wirklicher Winter da, viel zu warm. Grau, dreckig und dunkel. Geniess mal ein warmes Bad, lies was Schönes und trink warmen Tee. Ich habe schon Tulpen hier bei Floristen gesehen und frische Äste mit kleinen Blättchen dran. Hat mich schon fast her gezogen, doch ich dachte, nein, noch nicht...
AntwortenLöschenIch wünsch Dir auch war ganz Liebes und schau gut zu Dir und Deinem Mann!
Ganz herzlich, Rita
Oder wir John Irving sagen würde: Halte dich vor offenen Fenstern fern.
AntwortenLöschenDass diese graue Dunkelheit sehr aufs Gemüt schlägt, kann ich mir sehr gut vorstellen.
Als ich während meines Schwedenaufenthaltes über Weihnachten nach Hause kam, habe ich die ganze Zeit gedacht: "Wahnsinn, es ist schon 16 Uhr und es ist immer noch nicht dunkel." bzw. habe ich mich gewundert wie unglaublich hoch die Sonne steht.
Liebe Grüße,
Kathrin