Sonntag, 16. Februar 2014

Sonntagsfreude: Erbstücke

Zu unseren Nachbarn hinter dem Haus meiner Eltern hatten wir schon immer ein intensives Verhältnis. Also, schon zu deren Eltern. Es gab nie einen Zaun zwischen den Grundstücken, man kann immer einfach hinüber oder herüber gehen. Gemüse, Obst, Zeitungen und anderes werden fleißig ausgetauscht. Inzwischen wohnt eine der 'Töchter' dort, auch sie ist schon weit über siebzig. Sie ist so ein feiner und lieber Mensch. Ich besuche sie immer gerne, wenn ich daheim bin und trinke einen ihrer Kräutertees (obwohl die allesamt sehr schweißtreibend - und sicher gesund - sind). Bei meinem letzten Besuch hat sie ein wenig herumgedrückt und schließlich ist sie mit der Sprache herausgerückt: Sie wüsste ja, dass ich viel handarbeite und dass ich solche Arbeiten schätze. Sie hätte da etwas, das ihr nicht mehr passt, aber das sie all die Jahre aufgehoben hat. Allerdings hätte sie Hemmungen, ob man so etwas Altes hergeben dürfe.
Und ob sie das durfte! Für mich war es eine riesen Ehre und Freude, Sonntagsfreude. Es sind nämlich wirklich ganz besondere Kleidungsstücke mit Geschichte und wenn ich sie trage, denke ich immer an diese liebe alte Dame.
Die Strickjacke ist handgestrickt aus Norwegen. Sie war damals Anfang der siebziger Jahre mit einem Kameraden unterwegs zum Nordkap in Norwegen. Und es fror sie so erbärmlich, so dass diese Jacke spontan gekauft wurde. Es gab wohl noch passende Fäustlinge und eine Mütze dazu, aber die wurden wohl 'aufgetragen'. Die Wolle ist wunderschön, die Farben finde ich sehr ansprechend und sie passt wie angegossen. Nach einer Runde im Wollwaschgang ist sie wieder wie neu und total formstabil. Im Inneren sind lediglich einige lose Fäden vom Farbmuster, die ich wohl noch vernähen werde, damit ich nicht mit den Fingern beim Anziehen hängen bleibe.
Der Rock hat auch eine eigene Geschichte: Ebenfalls vor mindestens 30 Jahren war sie auf Reisen in der Schweiz. In Graubünden, in einer Handweberei, verliebte sie sich in den Stoff und ließ sich daraus von einer Nahderin (bayr. für Schneiderin) in meinem Heimatort einen Rock daraus nähen. Obwohl auch dieser viel getragen wurde, ist er in sehr gutem Zustand. Leider ist die Form/der Schnitt wirklich etwas zu viel 'Retro' für mich. Deshalb werde ich ihn demnächst auftrennen und mir einen etwas kürzeren und schlichteren (ohne Falten) Rock daraus nähen. Ende März wird mein Bruder seine Bündnerin heiraten - und was würde da besser passen als ein Bündner Rock?!
Ich war sehr berührt, dass ich diese Kleidungsstücke bekommen habe. Die Jacke ist schon viel im Einsatz und den Rock kann ich hoffentlich bald in Angriff nehmen. Allerdings habe ich natürlich ein bisschen Bedenken, schließlich bin ich keine Nahderin! Ich bewundere immer wieder die Handwerkskunst, die feinen Stiche von Hand, der extra Stoff innen zum Herauslassen. Wirklich ein Kleidungsstück für lange.

Mehr Sonntagsfreudensammler gibt es auch in diesem Jahr wieder auf dem Kreativberg.

3 Kommentare:

  1. Sehr schöne Sachen hast Du geerbt. Ich finde es sehr schön, dass solche Teile nicht einfach im Müll landen, sondern weitergegeben werden an Leute, die Freude daran haben. Ich wünsche Dir viel Spaß beim verändern des Rocks!
    Ich wünsche Dir eine schöne neue Woche!
    felis

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  2. Was für eine besondere Freude, dass du diese Stücke erben durftest! Die Jacke hält dich jetzt bestimmt schön warm und ich kann mir die Farben gut bei dir vorstellen (nach dem, was ich bisher so bei und an dir gesehen habe hier). Ich bin gespannt, was du aus dem Rock machst! Wie schön, dass du ihn so so einem besonderen Anlass tragen möchtest. :-)

    Alles Liebe!
    Steffi

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  3. Wenn du es nicht dazu gesagt hättest, wäre wohl niemand auf die Bezeichnung "retro" gekommen :-)
    Ganz tolle Stücke auf jeden Fall!

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