Vor kurzem las ich eine schwedische Kulturzeitschrift - zum Thema Nadeln. Zuerst hatte ich so meine Zweifel: Kann man ein hochwertiges Heft mit Artikeln zum Thema Nadeln füllen? Oh, ich wurde so eines besseren belehrt und jetzt bin ich total fasziniert...
Als Handarbeiterin halte ich fast täglich Nadeln in der Hand: Stricknadeln, Häkelnadeln, Nähnadeln, Sticknadeln mit und ohne Spitze, Sicherheitsnadeln, Nähmaschinennadeln...
In dieser Zeitschrift stellte man sich die Frage, warum man denn die Nadel nicht zu den wichtigsten Errungenschaften der Menschheit zählt? Zumindest in den offiziellen Listen findet man sie nicht. Dabei war sie vor allem gerade im Norden überlebensnotwendig. Erst mit Nadeln aus Knochen konnte man Fellstücke zusammennähen und wärmende Kleidung und/oder schützende Zelte schaffen.
Die Bedeutung von Nadeln erschließt sich beispielsweise auch aus Grabbeigaben, die man in vorhistorischen Gräbern fand. Oft waren die Nadeln in feingearbeiteten Behältnissen verwahrt, die die Frauen an Gürteln o.ä. trugen. In Schweden nennt man solche Nadelbehältnisse nålhus, Nadelhaus, Nadelhäuschen...
Interessantes gab es auch zur Nadelherstellung zu lesen: Wie mühsam das war, wie wertvoll die Nadeln waren, bevor die Nadelherstellung industrialisiert wurde. Die englischen Nadelschleifer, die die Spitzen in trockenem Zustand schleifen mussten um Rostbildung zu vermeiden, starben im 19. Jahrhundert in der Regel an Metall- und Steinstaublunge in recht jungen Jahren. Deshalb wurden die Nadelschleifer auch als besonders wilde Kerle bekannt, die ihr kurzes Leben intensiv lebten.
"Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr..." Die wichtige Bedeutung der Nadel in unserer Kulturgeschichte hat mich jedenfalls so in ihren Bann gezogen, dass ich sie - wenn auch nur auszugsweise - hier mit euch teilen möchte. Und nicht nur in unserem Kulturkreis hat die Nadel eine besondere Stellung: Ein hinduistisches Gleichnis erzählt von einem Schneider, der sein wertvollstes Werkzeug an den Turban gesteckt aufbewahrte.
Die Bedeutung von der richtigen Nadel für das Gelingen einer Näharbeit, möchte ich hier nur erwähnen.
Vielleicht betrachtet ihr eure Nadeln jetzt auch mit ein bisschen anderen Augen ;-)
Ich gebe mich jetzt jedenfalls wieder der Nadelarbeit hin. Habt ein feines Wochenende!
p.s.: Hier habe ich schon mal über meinen Fingerhut geschrieben...
Jetzt bin ich auch ganz neugierig. Das hört sich ungemein spannend an. Wie wenig denkt man über die (Geschichte der) Dinge nach, die man stets in die Hand nimmt.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
Ich verwende auch den Fingerhut, wie ich es von Großmutter und Mutter gesehen habe. Im Wiener Naturhistorischen Museum gibt es auch Nadeln aus verschiedenen Epochen, sehr faszinierend. Da gab es auch eine Ausstellung "Prähistorische Textilkunst" (Ausstellungskatalog). Spannend, auf welchem Niveau die Gewebe schon waren. Es fasziniert mich auch die Sicherheitsnadel, die sich seit der Bronzezeit technisch nicht verändert hat.
AntwortenLöschenLiebe Grüße aus Linz an der Donau
Herta Steidl