Ich habe lange überlegt, wie ich diese Form von Berichten nennen soll. Dabei stellt sich die Frage, ob ich denn nun auswandere oder einwandere. Wenn ich ehrlich sein soll, dann finde ich beides nicht so passend. Deshalb nur 'wandern' als Metapher für mein Unterwegssein, das irgendwann zu einem Ankommen in der neuen Heimat führen soll.
Wenn ich an Auswandern denke, dann kommen mir so Menschen aus diversen Fernsehdokus in den Sinn, die glauben, dass sie woanders eine bessere Arbeit, ein aufregenderes Leben oder 12 Monate Sonnenschein finden. Mir ging es aber gut in Deutschland, ich hätte nicht unbedingt auswandern müssen. Es ist mehr ein Kompromiss. Wenn zwei Menschen sich lieben, aber zwei Nationalitäten haben, dann muss man sich irgendwo treffen, wenn man nicht ewig eine Fernbeziehung führen will. Und dieser Kompromiss war eben bei uns das Heimatland meines Mannes, aus verschiedenen Gründen. Vielleicht fällt es mir auch deshalb schwerer, mich mit Widerständen, Problemen usw. zu arrangieren, weil es eben ein Kompromiss ist und ich mir hier mit dem 'Auswandern' nicht einen langgehegten Lebenstraum erfülle.
Ja, es ist die Liebe zu diesem Mann, die mich hierher gebracht hat. Es ist schon komisch eigentlich, denke ich oft. Dass man bereit ist, für einen einzigen Menschen seine ganzen anderen sozialen Netzwerke zurückzulassen. Man hat ja diese Menschen auch auf eine bestimmte Art und Weise 'geliebt'. Dabei denke ich natürlich oft egoistisch, dass ich jetzt nämlich allein bin, dass meine Familie und meine Freunde so weit weg sind. Dabei war/ist es für sie sicher auch nicht einfach, dass die Freundin, die Tochter, die Schwester nun einfach so wegen eines einzigen Schweden 2000 km weit wegzieht. Die Liebe, das ist schon was seltsames manchmal...
Nun bin ich gute 10 Wochen hier und die Zeit kam mir bis jetzt endlos vor. Das viele Warten und Nichts-tun können machen mich mürbe. Allerdings - ihr habt die Sonntagsfreude richtig interpretiert - durfte ich doch mit der Lehrerweiterbildung anfangen. Das ist gut, denn es geht in die richtige Richtung. Es hat aber viel Kraft gekostet, mich nicht abschütteln zu lassen, immer wieder Grauzonen zu finden, durch die ich schlüpfen kann. Ich weiß nicht, ob das nachvollziehbar ist, aber mich nervt dieses Bitten, Betteln und Anbiedern so. Ich komme hierher und möchte so gerne arbeiten, meine pädagogische Kompetenz und Idealismus dem Bildungsbereich zur Verfügung stellen - und entsprechende Zahlen deuten darauf hin dass der Lehrermangel hier noch ganz extrem werden wird in den nächsten Jahren - und ich muss jetzt aber dankbar und demütig sein, dass ich großzügigerweise noch teilnehmen darf. Obwohl die Plätze ohnehin nicht alle besetzt werden konnten. Ich will mich jetzt hier nicht als die Superpädagogin hinstellen, auf die alle Welt schon gewartet hat, das mit Sicherheit nicht. Aber wer mich kennt, weiß, dass mir die pädagogische Arbeit am Herzen liegt und das ein Thema ist, wofür ich wirklich 'brenne' (gerade die multikulturelle Erziehung). Wegen geringer Löhne und eines unattraktiven Images schlagen viel zu wenige junge Schweden die Lehrer-Laufbahn ein. Und deshalb würde man auch keinem schwedischen Studenten mit Sachen konfrontieren, die man aber in der Weiterbildung der ausländischen Lehrer sehr wohl fordert. Warum geht man davon aus, dass Ausländer immer demütiger, dankbarer und fleißiger sein müssen als die Einheimischen?!
Entsprechend dünnhäutig bin ich inzwischen auch schon, wenn es um sog. gute Ratschläge geht (oft von Seiten schwedischer Familienmitglieder oder aber entfernte deutsche Bekannte). Natürlich könnte ich unter der Aufwendung von 5000 SEK im Monat die private Versicherung XY abschließen, oder meine Geldgeschäfte über mein deutsches Konto abwickeln. Ja, aber ich bin hier nicht im Urlaub oder im Austauschjahr! Kein Mensch würde von einem Deutschen in Deutschland, einer Schwedin in Schweden oder einem Österreicher in Österreich verlangen, dass er oder sie so provisorisch wie im Urlaub bzw. wie auf Schüleraustausch lebt. Da hat doch auch jeder Verständnis, dass man eine ordentliche Versicherung hat, ein Bankkonto zu guten Konditionen usw.
Aber ich versuche natürlich trotz allem, irgendwie das Positive zu sehen. Das mit der Weiterbildung hat ja geklappt. Und ich durfte bei der Einwanderungsbehörde schon meine Fingerabdrücke und eine biometrisches Foto hinterlassen (ich hatte einen Termin um 14:29 Uhr!!!), ein Zeichen, dass es vielleicht mit der Aufenthaltserlaubnis-Karte nicht mehr allzu lange dauert. Und vom Skatteverket haben wir ein Entschuldigungschreiben bekommen, dass bei dem ersten Antrag wohl wirklich ihnen ein Fehler unterlaufen ist. Der zweite Antrag ist nun eingegangen und wird gehalten, bis die Aufenthaltserlaubniskarte da ist.
Manchmal denke ich mir, dass das vielleicht kein so 'bequemer' Blog ist, aber dass ich es wohl nicht lassen kann, Euch weiterhin mit solchen Aspekten des Ein-/Auswanderns zu konfrontieren. Es würde nicht zu meinem Wesen passen, wenn ich hier nur skandinavische Einrichtungs- und Handarbeitstrends präsentieren würde oder nur idyllische Naturaufnahmen zeigen. (Naja, bis jetzt wurdet Ihr eh nicht damit verwöhnt ;) )
Ich habe einfach das Bedürfnis, meinen Weg so autentisch* wie möglich darzustellen. Ich freue mich natürlich über die Extrazeit zum Handarbeiten und Bloggen usw., da ich im Moment keine Arbeitserlaubnis habe und 'nur' die Weiterbildung machen kann. Aber es ist einfach noch nicht stimmig hier, zu vieles fehlt noch oder ist ein Provisorium. Natürlich sind 3 Monate noch keine lange Zeit, aber wer 3 Monate lang jeden Tag auf DEN Brief wartet, der weiß wie lange 3 Monate sein können.
Zudem habe schon auch das Gefühl, dass ehrliches Interesse da ist, wie es denn nun weitergeht, mit den Behörden, mit dem Ankommen. Das tut gut! Danke! Aber dafür müsst Ihr auch weiterhin lesen, wie es weitergeht ;)
*mit autentisch meine ich nicht so wie in den besagten Fernsehdokus, dass da eine junge Frau ohne Sprachkenntnisse irgendwo auf einem Amt steht und dann sagt 'Oh, da habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht' - SONDERN, dass man auch trotz guter Sprachkenntnisse und Vorbereitung nicht vor den Irrungen und Wirrungen der Bürokratie geschützt ist. 'Wandern' ist einfach kein Sonntagsspaziergang...
Mir würden noch 100 Sachen einfallen, die mir immer wieder durch den Kopf gehen. Aber das spare ich für nächste Woche, vielleicht gewürzt mit einer neuen kleinen Erfolgsmeldung...
p.s. Und vergesst nicht an der Teebeutelauslosung teilzunehmen, denn wenn hier wirklich was gut ist, dann ist es der Blaubeertee :)