Ich bin nun schon ein paar Mal gefragt worden, ob es denn hier so viele Katholiken geben würde, dass ich denn Religion unterrichten könnte/würde.
Die Antwort ist Jein. Es gibt hier in Stockholm sicher eine nicht unbedeutende Anzahl Katholiken, aber in Schweden gibt es keinen konfessionell gebundenen Religionsunterricht. Das Fach Religion, das genau genommen auch Religionskunde oder -wissenschaft heißt, ist nur eines von vier Fächern im Fächerblock SO. SO (sprich S-U) bedeutet samhällsorienterade ämnen und das heißt so viel wie gesellschaftlich ausgerichtete Fächer, es entspricht wohl am ehesten was wir auf deutsch sozialwissenschaftliche Fächer nennen. In den bayerischen Mittelschulen gibt es ja auch GSE - Geschichte, Sozialkunde und Erdkunde. Die gleichen drei Fächer plus eben Religionskunde machen den SO-Block aus. Und im Rahmen der Religionskunde werde ich vergleichende Religionswissenschaft unterrichten, d.h. alles über alle fünf Weltreligionen, die Religion(en) der indigenen Bevölkerung und nationalen Minderheiten und Ethik.
Im Rahmen von dieser sehr intensiven (!) Ausbildung machten uns meine Kollegin und ich auf, um der Großen Moschee einen Studienbesuch abzustatten. Zuvor hatte ich schon einmal eine Moschee in München besucht, meine Kollegin eine im Mittleren Osten. Nun machten wir uns also auf den Weg um die größte Moschee Stockholms zu besuchen, die es erst seit dem Jahr 2000 gibt und in der am Freitag 2000 bis 3000 Gläubige zusammen kommen.
Die Organisation war recht unproblematisch gewesen und nach einem Telefonat durften wir schon zwei Tage später kommen um an einem Gebet teilzunehmen. Allerdings waren wir schon etwas nervös, ob es denn dann auch klappen würde, denn weder der Herr in der Moschee noch wir sind schwedische Muttersprachler und da kann es schon mal zu Missverständnissen kommen :) Aber es hat alles wunderbar geklappt. Wir wurden sehr freundlich empfangen und durften erstmal unsere Schuhe ausziehen und uns fortan auf Strümpfen bewegen. Für 'Damenbesuch' gibt es Mäntel in schicken Oma-Farben (pastellrosa, creme, hellgrau usw.) aus 100% Nylon und mit Goldknöpfen...
Wir zogen also diese Mäntel an und folgten unserem Gastgeber in einen Gesprächsraum im oberen Stock der Moschee. Er beantwortete geduldig alle unsere Fragen und versuchte uns den Kern des Islam näher zu bringen, ohne 'missionarisch' zu wirken. Gegen 4 Uhr wurden wir gemäß unserer christlichen Erziehung nervös, ob man nicht langsam in den Gebetsraum gehen sollte, damit man auch pünktlich da ist... Diese Einstellung schien unserem Gastgeber völlig fremd. Entspannt saß er zurückgelehnt da und philosophierte noch über die Fünf Säulen des Islam, bis man endlich aus den Lautsprechern den Ruf zum Gebet hören konnte. Dieser Gebetsruf wird aber nur im Inneren des Gebäudes übertragen, draußen darf nichts zu hören sein. Wir verabschiedeten uns vorläufig von unserem 'Guide' und gingen flott (zentraleuropäische Pünktlichkeit!) nach unten, setzten die Kapuzen auf und nahmen auf der Bank ganz hinten Platz.
Die Männer (den Frauen ist es zwar nicht verboten, aber für die Männer ist es wichtiger in der Moschee zu beten) kamen langsam, gemächlich und entspannt auch auf Strümpfen in den Gebetsraum, der mit einem schönen grünen Teppichboden ausgelegt war. Der Imam kam auch und alle stellten sich in einer langen Reihe auf. Das Gebet begann und es war ein bisschen "Gänsehautgefühl" dabei. Die tiefe, volle Stimme des Imam und die 'Antworten' von gut 50 Männern erfüllte den ganzen Raum. Während des Gebets kamen auch noch immer mehr Männer, offensichtlich von der Arbeit, entweder in Arbeitskleidung oder mit Anzug und Laptop-Tasche, so dass sich auch noch eine zweite Reihe füllte. Schließlich war das Gebet zu Ende, die Reihen lösten sich auf und man stand noch zwanglos beisammen oder saß auf dem Teppichboden.
Dann stieß auch unser Gastgeber wieder zu uns und erzählte uns noch etwas zur Geschichte der Moschee. Denn wie man auf dem Foto (oberhalb) erkennen kann, war das Gebäude einmal ein Teil des Stockholmer Elektrizitätswerks (siehe den Backsteinteil). Von Innen wäre uns das gar nicht aufgefallen! Da dieses Gebäude von dem bekannten schwedischen Architekten Ferdinand Boberg entworfen worden war, steht es unter Denkmalschutz und man war sich länger unschlüssig, was damit geschehen sollte. 1995 ging es in den Besitz des Islamischen Verbunds über und nach Umbau- und Anbauarbeiten wurde die Mosche im Jahr 2000 eingeweiht. Schließlich durften wir noch ein paar Koranausgaben anschauen. Wir wurden schließlich sehr freundlich verabschiedet und haben unseren Besuch generell als sehr bereichernd und angenehm empfunden. Tja, wenn eine Katholikin und eine ortodoxe Christin eine Moschee besuchen - mehr interkultureller Austausch geht nicht, oder? :)
Wie gesagt, wir haben den Besuch als sehr positiv empfunden und die Herren dort hoffentlich auch. Es war auch für uns sehr nützlich und sinnvoll, unseren Blickwinkel mal einer anderen Ecke der Stadt bzw. von Schweden zuzuwenden. Als Einwanderer(in) ist man sehr damit beschäftigt, zum einen das Eigene zu bewahren, und zum anderen, das 'Typische' der neuen Heimat zu erfassen, in diesem Fall das 'typisch schwedische' bzw. das, was man dafür hält. Ich denke aber, dass gerade auch für die schwedischen Großstädte eine multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft inzwischen genauso typisch ist wie für Berlin oder Paris. Und neue Blickwinkel und Perspektiven sind immer hilfreich, nicht zuletzt, wenn wir dann unseren zukünftigen Schülern begegnen werden - und schon heute, wenn wir mit anderen ausländischen Lehrern zu tun haben.
Seeehr interessant klingt das! Schön, dass Ihr so herzlich empfangen worden seid. Ich finde, wenn man in einem für uns fremden Gotteshaus sitzt, ist teilweise gar kein Unterschied und dann auch doch so viel, so ist mein Gefühl gewesen, als ich in Moscheen und Synagogen war.
AntwortenLöschenDas vierte Foto, mit den vielen Vögeln vorm Halbmond gefällt mir.
Alles Liebe, Martina :-)