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Montag, 17. September 2018

HerbstHandarbeitsbingo: Therapeutische Regenbogendecke

Im September vor 2 Jahren war es nicht mehr zu übersehen, dass beide Nachbarinnen im Winter Nachwuchs bekommen würden. Für mich war das ein ziemlicher Schlag und auch eine Bestätigung, dass der Umzug (neue Umgebung, dauerhaft sesshaft werden) wieder keine Veränderung gebracht hatte. Ich heulte einen Nachmittag lang, dann lud ich zum zweiten Mal (das erste Mal war schon in Stockholm) einen Antrag auf eine gynekologische Untersuchung am Uni-Klinikum herunter, füllte ihn aus und schickte ihn ab. Und ich suchte mir etwas, womit ich meine Hände während einer vermutlich langen Zeit beschäftigen kann.
Nach jedem Arzttermin o.ä. strickte ich ein Quadrat, das ich irgendwann in eine große Decke einarbeiten würde. Eine Decke, in die ich mich einhüllen und verkriechen könnte. Oder in die ich im besten Fall jemand anderes einwickeln und damit wärmen könnte.
Ich schaffte genau 8 Quadrate, bis ich eines unserem Sternchen symbolisch mit auf den Weg geben musste. Und plötzlich war es kein konstruktives Strickprojekt mehr, sondern eines, das mit vielen negativen Gefühlen aufgeladen war.
Das war im September vor einem Jahr.
Ich schloss die Kiste und rührte sie nicht mehr an.
Jetzt ist wieder September und seit einigen Wochen stricke ich wieder Quadrate, die mich wieder bei Arztterminen begleiten, die mich am Abend zur Ruhe kommen lassen, die mir Halt geben. Der Rhytmus des Strickens gibt mir Gelassenheit und Sicherheit, am Faden entlang taste ich mich von Masche zu Masche durch die Tage.
Neun mal neun Quadrate sollen es werden, im besten Fall. Ich stricke mit Finkhof Merinowolle dünn in neun Farben und mit Naturgrau als Umrandung.
Ich habe also ein großes Projekt in Angriff genommen und ich stricke ein Loch-/Lacemuster, aus dem sich die Blumensterne formen, bevor sie von kraus rechts Reihen umrandet werden.
Mir hilft das Stricken ungemein, ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen würde, wenn ich die Handarbeiten nicht hätte. Gute Gedanken, Ängste, Reflektionen, Freude, all das stricke ich in meine Maschen ein. Das tut mir sehr gut.
Ob ich am Ende noch ein Bingofeld (nämlich "etwas aus vielen, kleinen Teilen handarbeiten") ankreuzen kann, sei dahin gestellt. Damit ich mir das selbst erlaube, müsste ich nämlich noch unzählige (!) Fäden vernähen, die Quadrate waschen, spannen und zusammenhäkeln. Und Hetzen oder Eilen möchte ich nicht, ich möchte den Rhytmus, der mir so gut tut, beibehalten.

Mittwoch, 25. Juli 2018

Was bisher geschah

Herzlichen Dank für alle eure Mails und Kommentare, die ihr mir hier gelassen habt. Ich habe lange überlegt, ob und wie ich wieder zu bloggen anfangen sollte und kann man nach einer so langen Pause einfach wieder anknüpfen, tun so als sei nichts gewesen?
Wie einige gemutmaßt haben, hat die lange Blogpause tatsächlich vordergründig mit unserem Kinderwunsch zu tun. Wie schon immer bei diesem Thema beschäftige ich mich viel mit der Gratwanderung privat - persönlich - tabuisiert - öffentlich diskutieren - sich schützen - sich angreifbar machen usw. Jetzt mache ich den Versuch, es zu erzählen. Vielleicht tut es mir gut, vielleicht werde ich es bereuen.

Kurz nachdem wir unser Sternchen verloren haben, hätten wir eigentlich einen Termin für eine IVF-Behandlung am hiesigen Uni-Klinikum gehabt. Ich habe ihn abgesagt, da ich mich weder körperlich noch seelisch dafür bereit fühlte. Ich kam sogar zu dem Entschluss, dass ich nie eine IVF-Behandlung durchführen möchte, da mir mein Körper ja gezeigt hatte, dass es vielleicht doch auf natürlichem Weg gehen könnte.

Könnte... Denn es kam zu keiner weiteren Schwangerschaft und als wir im Februar eine weitere Einladung zur Vorbesprechung im Uni-Klinikum im Briefkasten hatten, haben wir diesen Strohhalm ergriffen. Der Termin kam genau zur richtigen Zeit für mich und für uns. Nach all den (6) Jahren fühlte ich mich diesen Winter erschöpft und aufgerieben, unsere Beziehung hatte schon einige Blessuren abbekommen, von meiner Psyche und meinem Selbstbild ganz zu schweigen. Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, habe vieles andere ausprobiert (ich kann keinen Kräutertee mehr sehen!) und habe abgewägt. Dann bin ich, mit meinem Mann an der Hand, ins kalte Wasser gesprungen.

Das Team hat uns gut betreut und ich habe die anstrengenden Behandlungen gut überstanden.
Und jetzt schreibe ich gleich einen Satz, der mich all die Jahre zuvor dazu gebracht hat, zahlreichen Blogs den Rücken zu kehren. Ich habe mir immer vorgenommen, ihn nicht zu schreiben, aus Rücksicht und Respekt allen Leserinnen gegenüber. Und jetzt schreibe ich ihn doch, wissend, dass es manchen so wehtun wird.

Wenn alles gut geht, werden wir Anfang 2019 eine kleine Familie.
So, jetzt ist es raus. Und ich habe sehr gemischte Gefühle, dass ich das hier öffentlich mache. Andererseits bin ich z.B. auch auf der Arbeit sehr offen damit umgegangen, da ich es wichtig finde, dass man darüber spricht. Viele Familien kommen inzwischen auf diesem Weg zu stande. Für viele ist es aber auch ein weiteres Glied in einer langen Kette von Versuchen, körperlichem und seelischem Leid.

Dieser Frühling und Sommer waren sehr anstrengend, körperlich und psychisch. Ich bin auch immer noch nicht überm Berg. Ich bin sehr demütig und haben großen Respekt vor dem, was war, und vor dem, was kommen wird.

Und ich werde nicht mehr darüber hier schreiben, denke ich. Vorerst nicht. Es ist zu wertvoll, zu zerbrechlich, zu privat. 
Ich habe aber wieder große Lust zu bloggen. Euch die Sachen zu zeigen, die in meinem Garten gedeihen vegetieren, Apfelliebe teilen und Handarbeiten zu dokumentieren. Natürlich sollte ich auch mal wieder über Schweden schreiben, die Trockenheit, die anstehenden Wahlen und anderes.

Dieser Eintrag wurde nicht so durchgänging und wohlformuliert, wie ich es schon fünfzig Mal im Kopf gedacht hatte. Aber jetzt ist er geschrieben. Es hätte sich nicht rund angefühlt, Euch einfach mit Fragezeichen stehen zu lassen, zumal sehr herzliche Mails gezeigt haben, dass es Fragezeichen gab. Und jetzt entlasse ich diesen Eintrag ins www.
Ich bitte um Verständnis, dass ich die Kommentarfunktion bei diesem Eintrag deaktiviere. Ich möchte hier weder überschwängliche Glückwünsche noch lange Erfahrungsberichte lesen und ich bitte, dies zu respektieren. Wer aber das Gefühl hat, man müsste mir unbedingt etwas mitteilen, kann dies gerne via e-mail tun.

Und jetzt werde ich mich dran machen, den Blog ein bisschen abzustauben und, achja, Ideen für das Herbsthandarbeitsbingo habe ich auch schon. Das wird es natürlich wieder geben :-)

Danke für Eure Nachrichten während der Stille, danke fürs Lesen hier und herzlich Willkommen zurück auf dem Blog! ❤❤❤

Freitag, 15. Dezember 2017

Die Notbremse ziehen

Heute bin ich krank geschrieben. Nur heute, am letzten Freitag vor den Weihnachtsferien. Nein, ich bin nicht krank im eigentlichen Sinn, keine Erkältung, kein Fieber. Aber meine Seele ist erkältet.
Vor einem Jahr war ich richtig krank. Ich wurde wegen einer mittelschweren Depression 50% krank geschrieben. Ich habe auch fast ein Jahr lang Antidepressiva eingenommen. In der Schule kursier(t)en die wildesten Gerüchte, dass ich ausgebrannt war.
Ich (und ich bin bei weitem kein Einzelfall) war aber einfach so lange traurig, dass es chronisch wurde und wenn man richtig traurig ist, kann man auch nicht richtig arbeiten (schon gar nicht in einer Klasse mit 6 Inklusionsschülern).
Ich hatte Glück, ich habe die richtige Ärztin zum richtigen Zeitpunkt getroffen. Mithilfe der Medizin und einer Psychologin habe ich das Schlimmste überwunden. Und ich will nie wieder in dieses abgrundtiefe Loch fallen.
Jetzt passe ich gut auf mich selber auf. Und wenn ich einen Tag vor Weihnachten ein bisschen traurig sein muss, weil ich an das Sternchen denke und wie das Weihnachtsfest hätte sein können, dann ziehe ich die Notbremse und steige aus dem Schnellzug aus.
Ich habe heute Vormittag einen Spaziergang im Naturschutzgebiet hinter unserem Haus gemacht. Es tat gut, mich bei Tageslicht draußen zu bewegen, niemandem zu begegnen und einfach nur atmen und denken zu können. Dabei kamen mir Ideen zu diesem Blogeintrag. Und ich entschied mich schließlich, dass ich ihn schreiben möchte, dass ich darüber reden möchte.
Ich konnte diesen Herbst ein paar Weichen für mich selbst stellen und ich sehe mit Vorfreude dem Lichtstreif am Horizont entgegen.

Montag, 11. September 2017

Verloren



Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, aber ich weiß, dass ich darüber schreiben will. Über 5 Jahre haben wir gewartet, gehofft und gebangt, dass es eintreten würde, ich habe über dieses Thema gesprochen, geschrieben und wieder geschwiegen. Vor einiger Zeit geschah etwas, dass wir als unfassbar, unglaublich und auch irgendwie - nach all den Jahren - als unerwartet empfanden, aber etwas, das schon so lange gewünscht, erhofft und gedacht war. Doch noch bevor man davon erzählen konnte, wollte und sollte, haben wir es wieder verloren.
Während es mir körperlich langsam besser geht, fühle ich mich leer und traurig, voll und wütend, alleine und doch geborgen und getragen in meiner Beziehung.


Natürlich kann man noch am Handarbeitsbingo teilnehmen! Ich habe heute eure Kommentare hochgeschaltet, die noch auf eine Freischaltung warteten. Unter diesem Beitrag kann man allerdings nicht kommentieren. 


Montag, 13. März 2017

Nicht immer geht es mir gut, aber ich habe es gut

Dieser März ist kein leichter Monat. Viele Jahre Kinderwunsch sind inzwischen ins Land gegangen und haben ihre Spuren hinterlassen. Die Zeit heilt viele Wunden, aber nicht alle. An manchen Tagen fühle ich mich unschlagbar, könnte Bäume ausreissen, Berge versetzen. An anderen Tagen liege ich auf dem Sofa, beobachte die Vögel ohne sie wirklich zu beobachten. Manchmal schlafe ich kaum vier Stunden, andere Nächte schlafe ich neun Stunden am Stück. Bisweilen stricke ich 20 Runden am Tag, bisweilen rühre ich das Strickzeug drei Tage nicht an. Auf und ab. Auf und an. Ebbe und Flut.

An manchen Tagen scheint die Sonne und lässt uns den Frühling erahnen, kurz darauf schickt uns Väterchen Frost noch einmal einen Schneetag. Manchmal könnte man es schon ein Weilchen auf der Terasse im Windschatten aushalten, manchmal reißt einem der Wind fast die Mütze vom Kopf. Von Zeit zu Zeit weiß ich unendlich viel, was ich am Blog schreiben könnte und möchte, dann wieder fehlen mir die Worte.

Es geht mir nicht immer gut, seelisch und körperlich. Aber ich habe es gut, sehr gut sogar. Ich wohne in einem Haus, das mein Zuhause geworden ist. Ich freue mich über mein Gärtchen, das ich dieses Jahr erweitern werde. Ich genieße die Stunden mit dem Mann im Freien und folge mit den Augen den Singschwänen, die dieses Jahr schon zwei Tage früher als letztes Jahr hier vorbeiziehen. Ich habe gutes Essen und eine erfüllende Arbeit.
Es geht mir nicht immer gut, aber ich habe es gut.
Auf bald!

Montag, 31. August 2015

Hier so

Im Moment fühle ich mich ziemlich sprachlos. Sprachlos angesichts dessen, was da Europa gerade passiert.

Sprachlos auch, weil ich mich selber gerade aus dem Rahmen gefallen fühle.
Seit zwei Wochen versuchen wir hier einen neuen Alltag zu finden. Mir fällt das ziemlich schwer. Ich habe ausreichend zu tun, von morgens bis abends bin ich auf den Beinen, räume immer noch auf, organisiere mit Handwerkern, versuche mich um meine eigene berufliche Zukunft zu kümmern, versuche hier anzukommen.
Der "Umzugsflow" ist aber vorbei, das tägliche maßlose Werkeln, Funktionieren, Koordinieren ist plötzlich zu Ende - und so fühle ich mich eben plötzlich aus dem Rahmen gefallen.
Den Rahmen Sprachlehrerin-Stockholm-Nach-Haus-und-Garten-Streben, gibt es nicht mehr. Einen neuen habe ich noch nicht gefunden. Dabei bin ich umgeben von Menschen, die ihren Rahmen, ihren Platz, ihre Lebensaufgabe schon gefunden haben. Das das macht es mir noch mehr deutlich, wie rahmenlos ich im Moment bin.
Gleichzeitig habe ich auch Angst vor Erwartungen und Reaktionen in meinem Umfeld. Denn jetzt müsste ich einfach super glücklich und zufrieden sein: Haus, Garten, näher an Deutschland - jetzt hast du doch alles, was du wolltest... Ja, das habe ich auch, ich bin zufrieden und vor allem bin ich ganz bewusst dankbar, wie gut wir es haben. Ich bin dankbar für unser gemütliches Haus, das uns ein Dach über dem Kopf bietet (auch wenn wir schon das erste Mal Wasser im Keller hatten... Sickerung - nächstes Jahr!) und Heimat werden kann. Aber, meinen Wurzeln fällt das Anwachsen in der neuen Erde schwer. Vielleicht weil sie ein bisschen steinig ist, weil sie mit Lehmbrocken durchsetzt ist, es ist keine leichte Erde.
Es beklemmen mich auch die neuen Erwartungen, selbst von guten Freunden und Bekannten, die es sich nicht verkneifen können, ihr "Aber vielleicht klappt es ja jetzt mit dem Nachwuchs!" oder "Jetzt wäre es doch aber ideal für Nachwuchs" uns entgegen zu schmettern.
Manchmal, wenn ich alleine durchs Haus gehe, einen Wäschekorb voll frischer Wäsche, an der Sonne getrocknet, in der eigenen Waschmaschine gewaschen, dann überkommen mich so Gedanken ... ob wir immer alleine, nur zu zweit, hier wohnen werden?
Der erste Regenbogen am neuen Ort
Geduld, Geduld!
Geduld ist nicht meine Stärke, der Garten lehrt es mich jetzt, auch das alte Haus erteilt mir seine Lektionen. Wir sind gerade mal zwei Monate hier, so vieles ist schon geschafft, das andere wird sich zeigen. Schritt für Schritt weiter gehen, alles muss nicht von heute auf morgen sein.
Dabei brauche ich jede Minute für mich, im richtigen Leben. Tagsüber, um mein Tagespensum zu bewältigen, was gemacht werden muss, gemacht werden soll, gemacht werden will. Abends, um zur Ruhe zu kommen, das Haus zu spüren, mich einzuwohnen.
Es ist ruhiger hier am Blog, ich bitte Euch um eure Geduld. Ich fotografiere viel, auch so manches nur für den Blog. Irgendwann werden auch die Wörter wieder fließen wollen, dann kommt eine Eintragsflut, vielleicht.
Vielleicht kommen auch einige Einträge nur mit Bildern, die euch von mir hier erzählen.
Ich weiß es noch nicht.
Geduld, Geduld!

Dienstag, 14. April 2015

Kinderwunschgedanken

Nachfolgend stehen meine Gedanken, meine Gefühle, meine Ansichten. Bei diesem emotionalen Thema kann es sein, dass sich leicht jemand verletzt oder provoziert fühlt. Das ist nicht meine Absicht und wenn es passiert, tut es mir leid. Gleichzeitig bitte ich um Rücksichtnahme und Verständnis für meine Darstellung meiner Situation.
Ich schreibe hier darüber vor allem für mich, aber auch um andere zum Nachdenken anzuregen und vielleicht zu ermutigen. Und vieles ist viel komplizierter und komplexer als ich es hier formulieren kann - es ist ein Auszug aus meinen Gedanken.
Danke! 

Wieder ist ein Jahr vergangen, ohne, dass sich etwas verändert hat. Wir sind immer noch unfreiwillig kinderlos.
Wieder ist ein Jahr vergangen, und doch haben Dinge sich verändert. Davon möchte ich heute berichten, wie es mir gerade damit geht, wie es uns gerade damit geht und wie es weitergehen könnte.
Ich glaube nun rückblickend, dass das zweite und das dritte Jahr die schlimmsten waren, auch diese liegen jetzt schon eine Weile hinter mir. Das erste Jahr war ich voller Hoffnung, dann kamen die Zweifel, dann die Wut und Bitterkeit. Und nun beschäftige ich mich schon fast ein Jahr mit Trauerarbeit.
Wahnsinnig geholfen hat es mir, darüber zu sprechen und noch immer verspüre ich oft den Drang, dass ich darüber sprechen möchte. Allerdings tue ich das nicht mehr so oft, denn ich habe gemerkt, dass es ein ermüdendes Thema ist, zumal es keine absoluten Antworten und keine endgültigen Lösungen gibt. Ich halte aber Zwiesprache mit mir selber und das funktioniert immer besser. 
Als ich einsah, dass ich trauern wollte, ja trauern musste, war ich zunächst selbst überrascht. Denn man kann ja nicht um nichts trauern. Manchmal ertappte ich mich sogar bei dem Gedanken, dass ich gerne ein Kind verloren hätte, denn dann könnte ich ganz legitim trauern. Aber in meinem Körper war noch nie ein Leben entstanden, kein Leben hatte sich verabschiedet. Worum also trauern?
Mit meiner besten Freundin, die in unserem Hoffnungsjahr tatsächlich ein Kind verloren hatte, führte ich ein Gespräch darüber, dass ich mich nicht zu trauern traute, weil man ja nicht um nichts und niemanden trauern konnte. Sie ermutigte mich auf eine wunderbare Weise dennoch zu trauern, mit der Trauerarbeit zu beginnen - und jetzt befinde ich mich mittendrin. Und es tut mir gut.
Stück für Stück nehme ich Abschied von Wünschen, Ideen, Hoffnungen und Lebensbildern. Damit schaffe ich auch Raum für neue Bilder, neue Wünsche, neue Ideen. Immer öfter sage ich es auch laut: Jetzt ist es gut, so wie es ist.
Und ein neues Selbstbewusstsein bahnt sich seinen Weg. Auf die Frage, ob ich eigene Kinder hätte, antworte ich - statt früher schamhaft - ein bestimmtes und deutliches Nein, das weitere Nachfragen auch direkt unterbindet. Genauso bin ich mir selbst bewusst geworden, für was ich meinen Körper aussetzten möchte, und für was nicht.
Ich ärgere mich manchmal sehr, wie mit der Verzweiflung von jungen Paaren ein gutes Geschäft gemacht wird. In den Beratungsgesprächen in unserer Kinderwunschklinik wurde kein einziges Mal auf mögliche Nebenwirkungen oder Risiken für die Frau hingewiesen. Wir bekamen lediglich eine Hochglanzbroschüre in die Hand gedrückt, in dessen Zentrum der Bericht von Elin und Lars stand, die beim dritten Versuch ihr Wunschkind bekamen. Dabei ist die echte Erfolgsrate bei Weitem niedriger! Es ist ein gesellschaftliches Tabu-Thema wie viele schließlich doch ohne Kind, aber mit zig tausend Euro Schulden nach viel mehr als drei mitfinanzierten Versuchen (oft im In- und Ausland) dastehen.
Diese selbstbewusste Entscheidung tut mir gut. In Gesprächen mit meinem Umfeld fühle ich mich weniger angreifbar. Und unser Umfeld scheint auch langsam zu begreifen: Die beiden bekommen vielleicht keine Kinder, aber es scheint, sie haben einen guten alternativen Lebensplan.
Allerdings ist es wesentlich einfacher, das der Familie zu vermitteln, als Umstehenden in einer der kinderfreundlichsten Gesellschaften der Welt. Auch in Schweden kann man ohne Kinder leben :-)
Allerdings muss ich natürlich zugeben, dass es nicht immer so geradeaus und aufwärts geht. Wie eben vor zwei Wochen, springt mich manchmal der Schmerz von hinten an, die Wunde klafft weit auf, Tränen bahnen sich den Weg. Und manchmal werde ich auch noch wütend, fuchsteufelswild. Aber dann - und das ist der große Unterschied - erlaube ich mir, dass es so ist. Dass ich diese Gefühlsstücke zulassen muss, damit ich verarbeiten und verabschieden kann. Und dann geht es mir besser. Stückchenweise immer besser.
Erstmals seit langem fühle ich mich wieder eins mit mir, stimmig, als Ganzes mit Körper, Geist und Seele. Und ich habe Lust aufs Leben, auf mein Leben, ein Leben mit meinem Mann und alles, was uns da so erwartet.
Ich hoffe, dass ich diesen Weg so kraftvoll weitergehen kann. Und ich wünsche allen, die einen ähnlichen Weg gehen müssen, dass sie den langen, schmerzvollen Weg durchhalten. Denn irgendwann wird es tatsächlich wieder besser, wieder leichter, wieder anders. Das alte Sprichwort "Die Zeit heilt alle viele Wunden" hat doch einen wahren Kern.
Und wohin so ein Weg dann schließlich doch noch führen kann, bleibt offen und spannend...

Samstag, 15. November 2014

Novembergedanken

Der November ist ein Monat, der (mich) nachdenklich macht.Das finde ich ganz gut so, will ich mich doch von manchen Gedanken verabschieden. Allerdings ist das auch nicht immer ganz so einfach. Vor allem wenn man sich von etwas verabschieden möchte, was nicht eingetreten ist. Ich möchte loslassen können, es ruhen lassen, dass wir bis jetzt kein Kind bekommen haben, keine Familie geworden sind... Ich trauere ja 'nur' um eine Idee, eine Vorstellung, die einfach nicht eintreten will. Das finde ich ist am schwierigsten: Von nichts und niemanden Abschied zu nehmen und weiter zu gehen.
Ich glaube aber, dass es mir mehr und mehr gelingt. Die Rückschläge sind natürlich vorprogrammiert, es geht auf und ab. Aber die Aufwärtsstrecken sind schon immer ein bisschen länger als die Abwärtsstücke. Vielleicht gelingt es mir auch besser, weil ich mich von den Warum?-Gedanken verabschiede. Das Hadern bringt nichts, ich muss einen Weg, meinen Weg finden.
Vielleicht habe ich die Abzweigung zu einem neuen Wegstück schon gesehen, manchmal wird es mir leichter ums Herz als es die letzten Jahre jemals war.
Meine neuen Gedanken sind Jetzt ist das einfach mal so! Ich mache das jetzt nur für uns beide! Ich freue mich auf dies und das, weil es schön werden wird!

Donnerstag, 11. September 2014

Bin ich eine schlechtere Lehrerin...

... weil ich keine eigenen Kinder habe?
Zumindest in Schweden scheint das bei Grundschullehrerinnen die zweite Frage nach der Frage nach dem Namen zu sein. Egal ob von Kollegen oder Eltern, es scheint dies eine wichtige 'Zusatzqualifikation' zu sein. Ich frage mich nun, ob das in D/Ö/CH (inzwischen) auch so ist? Ist das nicht eigentlich Privatsache? Und, Hand aufs Herz, vertraut ihr einer Lehrerin mehr, wenn ihr wisst, dass sie selbst Kinder hat? Ich würde das wirklich gerne wissen! Ich frage mich nämlich...

Muss ich eigene Kinder haben, um eine gute Pädagogin sein zu können? 
Muss ich eigene Kinder haben, um meinen Schülern gut zuhören zu können? 
Muss ich eigene Kinder haben, um gute Kinderbuchempfehlungen aussprechen zu können? 
Muss ich eigene Kinder haben, um qualifizierte Tipps für eine bilinguale Erziehung geben zu können?


Müsste ich - wäre ich Ärztin - selbst alle Krankheiten gehabt haben, um eine gute Ärztin zu sein?...

Freitag, 8. August 2014

Kinderwunsch: Abwarten und Tee trinken

Auf meinen Text hier im Mai haben mich überwältigend viele Rückmeldungen, Kommentare und e-mails erreicht. Auch jetzt, ein paar Monate später, kommen immer wieder noch nette Zeilen bei mir an. Das berührt mich sehr und ich merke, dass ich damit ein wichtiges Thema angestoßen habe, zu dem viel mehr eigene Erfahrungen haben als an der gesellschaftlichen Oberfläche sichtbar. Das Beste an den authentischen Erfahrungsberichten, die viele mit mir geteilt haben, war das Aha-Erlebnis: Denen geht es ja genau so, die gleichen Gefühle, eine ähnlich festgefahrene Lebenssituation, schwierige Entscheidungen, die getroffen werden wollen - ich bin also noch nicht verrückt, sondern befinde mich in einer ganz 'normalen' Lage in Anbetracht unserer langen Kinderwunschzeit. Danke also, dass ihr so lieb und ehrlich auch eure Geschichten mit mir geteilt habt!
Wie ich es schon angedeutet habe, war dieser Sommer manchmal ziemlich herausfordernd für mich. Nachdem ich im Frühsommer einen regelrechten Höhenflug hatte, ging es mit Anbruch der Sommerferien ziemlich abwärts: Ich war die ganze Zeit kränklich und dass es wieder grauer um mich wurde, verstärkte wieder mein eigenes Ohnmachtsgefühl, dass ich es doch immer noch nicht (Fräulein Ungeduld!) im Griff hätte und das müsste ich doch jetzt schnellstens mal schaffen. Zum Ende hin gelang es mir aber zunehmend, diesem etwas Auf- und Ab-Sommer versöhnlicher gegenüber zu stehen und mir die schönen Augenblicke vor Augen zu halten. Zudem achte ich wieder vermehrt auf meinen Körper - sprich Eisengehalt (!), ausreichend Obst, Bewegung usw. - so dass ich mich einfach fit fühle und damit auch psychisch besser.
Ich habe in den Sommerferien auch alle mehr oder weniger neuen Babys und schwangere liebe Menschen besucht. Es war ganz unterschiedlich: Manches steckte ich ganz gut weg, anderes saß länger wie ein kleiner Stachel. Es hatte sicher mit meiner eigenen Verfassung zu tun, aber auch wie es war, unseren Freunden, Bekannten und Verwandten zu begegnen bzw. wie sie uns begegneten. Manche hat es wohl verunsichert, dass wir so offen darüber sprechen (im Vorfeld des Besuchs schon gesagt haben) und entsprechend steif waren die Begegnungen. So wie wir uns durch unsere Kinderwunschzeit verändert haben, so haben sich auch andere durch ihre Elternwerdung verändert und die gemeinsame Schnittmenge war nicht mehr besonders groß.
Umso schöner war die Begegnung mit einem meiner zwei Patenkinder, das ich im Dezember zu Taufe begleiten darf, und dessen Eltern. Wir hatten so viele gemeinsame Gesprächsthemen, machten Ausflüge, die Eltern hatten keinerlei Berühungsängste, wir durften das Kind ganz viel halten, tragen, unser Kinderwunsch wurde kurz mal thematisiert, aber es war einfach alles natürlich und vieles so wie früher. Ebenso schön und rund war die Begegnung mit meiner schwangeren Cousine. Das hat mir alles sehr viel Mut gemacht, mich erfüllt und bestätigt, dass es wichtig und richtig war, meine selbstgewählte Isolation wieder zu verlassen.
Natürlich ist aber längst noch nicht "alles wieder gut". Die Trauer ist immer noch da, auch der Schmerz und die Wut besuchen mich noch Regelmäßig. Aber es ist anders. Ich habe keine Kraft und auch keine Lust mehr auf durchheulte Nächte, ich habe den Nebel leid und auch unser Leben würde inzwischen wieder mehr Vollgas statt angezogener Handbremse vertragen! Dazu braucht es aber noch ein paar Abschiede: Abschiede von Vorstellungen, Wünschen und Plänen, die sich so einfach nicht mehr einstellen oder realisieren lassen werden. Diese Abschiede tun noch weh, aber sie gelingen schrittweise. Nach einer bestätigenden Diagnose bei meiner deutschen Frauenärztin (ich hatte mir eingeredet, dass ein Besuch in Deutschland alle schwedischen Untersuchungen über den Haufen werfen würden...) muss ich mich wieder von einem Selbstbild und einem Lebensbild verabschieden. Das tut öfter noch weh, aber gleichzeitig gibt es mir auch einen neuen Rahmen vor, innerhalb dessen ich mir Neues ausdenken kann (und muss).
Rotklee soll ein gutes Kinderwunschkraut sein, ich trinke selbstgemischten Frauenmantel-Rotklee-Tee; es gibt sicher auch noch andere empfehlenswerte Teemischungen, aber diese passt mir gerade :)
Für den Frühherbst habe ich mir also vorgenommen, achtsam zu mir selber zu sein und mir selber Gutes zu tun. Außerdem will ich wieder mehr ganz für meinen Mann da sein, auch er trauert, und das Gefühl, eine starke Partnerin (und keine Heulsuse) an seiner Seite sein zu können, das tut gut! Als Tante und Patin gebraucht zu werden und eine Bezugsperson sein zu können, hat Neues in mir ausgelöst. Zunächst erschien es mir unmöglich, Patin zu sein, aber jetzt finde ich die Idee nicht mehr so dumm. Meine Bedenken, dass ich als 'Trostpreis' das Patenamt zugedacht bekommen habe, erwies sich als nichtig und als eine Einbildung meinerseits. Ja, solche Gedanken kann man in einer verzweifelten Kinderwunschzeit schon mal denken. Die Eltern meiner zwei Patenkinder haben sich aber durchaus was dabei gedacht, das nichts (!) mit meiner Kinderlosigkeit zu tun hat, sondern mit meiner Person, Persönlichkeit und meinem Leben, das als wertvoller Beitrag zum Aufwachsen der Kinder angesehen wird. Inzwischen habe ich sogar schon ein Babykleidungsstück genäht und eine Taufkerze liebevoll gestaltet. Undenkbar noch vor ein paar Monaten! Und es macht sogar wieder etwas Spaß, mir Selbstgemachtes für die beiden Mädchen auszudenken. Es beschleicht mich natürlich noch der ein oder andere Gedanke, wie gerne ich das alles einfach auch für ein eigenes Kind machen würde, der eine oder andere Seufzer wird von Herzen geseufzt - aber dann ist auch wieder gut ;)
Ja, die Teestunde ist auch ein Vorhaben für den Frühherbst, das wegen der Hitze und momentanen Unregelmäßigkeit im Alltag noch oft hintenan stehen muss. Achtsam einmal am Tag Tee zu trinken, der gut tut. Die Hoffnung nicht aufgeben, aber vielleicht anderes erstmal in den Vordergrund stellen. Ich würde gerne ein schönes Geburtstagsfest für meinen Mann organisieren, der gestern ein Jahr älter wurde (er ist einige Jahre älter als ich), bei dem nicht unser Alter im Bezug auf den Kinderwunsch im Zentrum steht, sondern ganz viele Kuchen, Blumen, liebe Leute, Gespräche und Lachen. Wie ich das hinkriege, weiß ich noch nicht, aber darüber kann ich mir - zur Abwechslung - jetzt mal den Kopf zerbrechen...

Dienstag, 20. Mai 2014

Nachlese

Oh, eigentlich fehlen mir die Worte... Ich bin sehr froh, dass ich den letzten Eintrag geschrieben habe. Ich habe lange gezögert, denn ich hatte Angst vor möglichen Reaktionen. Und ich hatte Angst, mich lächerlich zu machen. Es ist schwierig, einen Zeitpunkt zu bestimmen, an dem eine ausgedehnte Kinderwunschzeit in unfreiwillige Kinderlosigkeit übergeht. Und dann habe ich gedacht, gehofft - was, wenn ich hier darüber schreibe - und dann doch schwanger werde? - Die müssen mich ja dann alle für total verrückt und hysterisch halten?!
Nunja, seit dem Zeitpunkt, an dem wir uns in die Hände der schwedischen Schulmedizin begeben haben, bezeichne ich uns als unfreiwillig (ungewollt) kinderlos. Aber wir hoffen natürlich immer noch und immer wieder und es wäre wohl keinen Tag zu früh für eine hoffnungsvolle 'Trendwende'.
Das wichtigste für mich ist aber im Moment der Weg zurück ins Leben. Ich will kein 'Monster' mehr sein, weder zu mir selbst noch gegenüber anderen. Gerade habe ich ein gutes Gefühl (die hellen Vorsommersonnentage tun sicher auch ihr übriges!) und ich setzte mich mit so manchen Aspekten auseinander. Ich überlege viel, wie ich manchen Menschen wieder begegnen möchte, könnte, wie ich um Verzeihung für so manches Gesagte und Nichtgesagte bitten möchte, und wie ich mit Situationen umgehen will, für die ich mich eigentlich noch nicht bereit fühle.
Und ich habe das Bedürfnis darüber zu reden. So viele unterdrückte Erlebnisse und Gedanken kommen nach oben. Manchmal komme ich mir schon vor wie meine eigene Oma, die nach einem Krankenhausaufenthalt immer und immer wieder das Gleiche erzählen wollte. Keine Angst, das alles erspare ich euch hier, da muss vor allem meine Familie durch ;) ;) Und ich merke, wie mir das Reden hilft. Die Reaktionen darauf - im richtigen Leben und vor allem hier im Blog - haben mich aber umgehauen. Danke, danke, danke! Einfach zu wissen, man ist nicht allein (und so eine ausgedehnte Kinderwunschzeit ist eine sehr einsame!), da gibt es 'Leidensgenossinnen', auch manche mit Happy End, und  die vielen lieben Menschen, die mitfühlen, an einen denken usw. - das tut so gut. Danke noch mal!
Zum Schluss möchte ich noch kurz erwähnen, wo wir gerade stehen (mein neues Redebedürfnis...): Die schwedische, schulmedizinische Behandlung hat sich für mich nicht richtig und ziemlich 'brutal' angefühlt. Von manchen Ansätzen her war ich regelrecht schockiert, bin ich doch eher mit zentraleuropäischer Ganzheitlichkeit aufgewachsen. Also pausieren wir da und haben uns meiner Heilpraktikerin anvertraut und versuchen mal (wieder) einen sanften Weg zu gehen. Das Beste an ihrem 'Paket' sind aber die "Lebensfreudetropfen" (Bachblüten), die mich auf meinem Weg sehr unterstützen.
Jetzt lösen sich hier gerade die Morgenwolken auf, die nach einem schönen warmen Vorsommerregentag gestern noch am Himmel hingen. Vielfältige Aufgaben warten heute auf mich und da mache ich mich gleich daran. Und auch am Blog gehe ich dann mal wieder zur Tagesordnung (Schweden - Küche - Nähen - Schule) über :)
Herzlichst, Barbara

Samstag, 17. Mai 2014

Das Natürlichste der Welt


Letzten Sonntag feierte man in Deutschland, nächsten Sonntag wird in Schweden der Muttertag gefeiert. Es ist wohl das Natürlichste der Welt, dass Frauen zu Müttern werden, Paare zu Eltern. Zur Hochzeit bekommt man bei lustigen Spielen bereits eine Erstausstattung verpasst und nach ein paar Ehemonaten bleiben Fragen nach der Familienplanung nicht aus.
Es ist aber auch das Natürlichste der Welt, dass Frauen nicht Mütter werden, dass Paare nicht Eltern werden. Manche entscheiden sich für so einen Lebensentwurf, andere sind unfreiwillig kinderlos. Schon die Bibel erzählt von Joachim und Anna, die lange auf ein Kind warten mussten oder auch die eindrückliche Geschichte von Elisabet und Zacharias. In Ländern wie Deutschland oder Schweden geht man davon aus, dass etwa jedes 7. Paar unfreiwillig kinderlos ist. 
Wir sind eines davon.


Heute traue ich mich endlich, dass ich euch von einer der natürlichsten Sachen der Welt erzähle, nämlich von meiner unfreiwilligen Kinderlosigkeit. Ich gehe diesen Schritt nun bewusst aus zwei Gründen. Zum einen, weil ich keine Lust mehr habe mich zu verstecken und weil ich endlich den Mut gefunden habe, dieses Tabu-Thema in Worte zu fassen. Zum anderen, weil ich auch für die schreiben möchte, die nicht darüber sprechen wollen oder können.
Sicher ist denen von euch, die schon länger hier lesen, immer wieder meine große Trauer zwischen den Zeilen aufgefallen. Ein so großer Weltschmerz begründet sich nicht (nur) auf Heimweh oder einer unzufrieden stellenden Arbeitssituation, ein solcher Weltschmerz kommt auf, wenn ein ganzer Lebensentwurf und damit der Lebenssinn ins Wanken geraten.
Die letzten Jahre waren mit die schlimmsten meines Lebens. Und das waren sie nicht nur wegen all den Enttäuschungen oder all den medizinischen Prozeduren, sondern sie waren auch so schlimm wegen den (unwissenden) Leuten um uns herum.

Ich schreibe hier nun über das Natürlichste der Welt, weil ich zum Nachdenken anregen möchte, Sensibilität wecken. Es ist ja an sich schon anstrengend, wenn man von Nachbarn, Freunden oder Unbekannten angesprochen wird, ob man nicht bald eine Familie gründet (oder auch, ob nicht bald ein Geschwisterchen oder Nr. 3, 4 oder 5 kommen). In einer unerfüllten Kinderwunschzeit sind diese Konversationen aber der Horror. Das können Schülereltern sind, die wissen wollen, ob man eigene Kinder hat, das kann eine andere Immigrantin sein, die einem den ‚Tipp‘ gibt, dass man sich doch wegen Vorteil A und B bald ein Kind zulegen sollte, es kann aber auch der Schwiegervater meines Bruders sein, der mich beim Hochzeitsessen vor allen Leuten im Gasthaus fragt, ob ich denn in meinem Alter nicht langsam an Familienplanung denke.



Fast noch schlimmer sind aber die, die nicht nur kurz fragen, sondern die einem auch noch „gute Ratschläge“ mit auf den Weg geben. Die schlimmste Kategorie dabei ist „Vielleicht will das Kind noch nicht zu euch kommen, weil eure Lebensumstände grad noch nicht passen!“ – im Idealfall haben die Ratgeber mind. ein Haus und grad selber ein Kind bekommen. Hierzu möchte ich einmal öffentlich sagen, dass es das Beschissenste (!) ist, was man zu hören bekommen kann. Es kann nämlich auch andersrum sein: Dass wir mit einem Hauskauf lange gezögert haben, weil wir Angst haben, die nächsten Jahre weiterhin allein zu zweit in einem großen, leeren Haus zu sitzen. Dass ich gerne die Doppelbelastung Beruf – Studium gewählt habe, weil ich so wenig Zeit wie möglich zum Denken haben möchte. Usw.



Ich bin die letzten Jahre durch die Hölle gegangen und unser Weg ist noch nicht zu Ende. Auf diesem Weg sind Freundschaften und Bekanntschaften zerbrochen, ich habe mich zurückgezogen. Anfangs nur Schmerz, dann mehr und mehr Trauer und schließlich auch Bitterkeit wurden zu meinen täglichen Begleitern. Bis ich es nicht mehr ausgehalten habe und ich an einem Scheideweg stand. Ich habe mich für einen Weg zurück ins Leben entschieden, den ich seit Ostern probeweise gehe. Zu diesem Weg gehört aber auch dazu, dass ich jetzt offen damit umgehen möchte. Damit die Wunden nämlich langsam heilen können und damit die Bitterkeit verschwindet, muss ich darüber reden können und auf Verständnis hoffen. Ich möchte keine neugierigen Fragen mehr bekommen und schon gar keine gut gemeinten Ratschläge mehr. Und ich hoffe auch, dass dieser Text zum Nachdenken anregt, so dass auch andere Frauen in Zukunft sowohl von Fragen oder Ratschlägen verschont bleiben.



Ich werde diesen Blog hier jetzt nicht zu einem kinderlos-Blog umgestalten, vielleicht bleibt dies auch mein einziger Beitrag zu diesem Thema. Aber ich wollte heute einfach mal über die natürlichste Sache der Welt schreiben, nämlich dass man auch unfreiwillig kinderlos sein kann und dass es aber leider in unserer Gesellschaft immer noch schwierig ist, darüber zu reden.



p.s.: Ich habe lange überlegt, ob und wie ich darüber schreiben soll. Ich habe hin und her formuliert. Besser kann ich es auf die Kürze nicht ausdrücken, obwohl ich noch so viel mehr zu sagen hätte. Ich stelle hier auf meinem Blog meine Sichtweise dar. Wer sich dadurch brüskiert fühlt, dem ist es frei, nicht mehr an dieser Stelle weiter zu lesen. Außerdem behalte ich mir vor, Kommentare zu diesem Thema, die ich für unpassend halte, zu entfernen.