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| Zeitmagazin vom 30. Dezember 2014 |
Wenn ich von oder nach Deutschland fliege, versorge ich mich gerne am Flughafen noch einmal mit deutschen Zeitungen, namentlich Süddeutsche und Die Zeit. Dabei fand ich im Zeitmagazin von Ende Dezember ein sehr interessantes Dossier, das u.a. den Eskapismus ([Hang zur] Flucht vor der Wirklichkeit und den realen Anforderungen des Lebens in eine imaginäre Scheinwirklichkeit;
Duden, Das Fremdwörterbuch) berührte. Seit ich diesen Artikel gelesen habe, geht mir so einiges durch den Kopf, das ich auch hier am Blog teilen möchte. Allerdings ist es eher eine lose Gedankensammlung als ein Text mit rotem Faden. Zum Nachdenken einfach...
Zum einen klingt dieser Artikel für mich schon ein bisschen nach
Vorwurf. In einer demokratischen Gesellschaft werden ja generell politisches und gesellschaftlichen Engagement positiv bewertet, während unpolitisch sein negativ ist. Handarbeiten, Kochen und Gärtnern werden auf die unpolitische Seite gestellt und damit impliziert die Autorin, dass wer handarbeitet, zieht sich aus gesellschaftspolitischem Engagement zurück und ist damit ein schlechterer Mensch.
Ich überzeichne hier ein bisschen, aber man kann den Artikel durchaus so lesen. Und: Warum immer handarbeiten??? Was ist mit denen, die stundenlang Computerspiele spielen?!
Damit sind wir auch schon bei einer Reihe von Fragen, um die sich die wunderbare Ella von Ringelmiez (einer meiner Lieblingsblogs!) annimmt: Können handarbeitende Menschen nicht auch politisch sein?
Oh doch, können sie natürlich! Was ist der Wert von Handarbeiten in unserer Gesellschaft? Hier ist Ellas Antwort, der ich voll und ganz zustimmen! Ich stelle mir noch die Fragen: Was ist das denn für eine Gesellschaft, in der Stressabbau und Rückzug vielleicht überlebensnotwendig geworden sind? Und wie sieht für die Autorin (und diverse Forschungsinstitute) denn
der politisch engagierte Mensch aus?
Ich für mich beantworte die Fragen so:
Zum einen bin ich es sehr leid, dass man sich rechtfertigen muss, wenn man handarbeitet*, kocht und gärtnert. Zum anderen scheinen gerade Journalistinnen oft ein recht einschichtiges Menschenbild zu haben, denn ich kenne viele Frauen, die sich sehr aktiv in die Gesellschaft einbringen
und handarbeiten und kochen können.
Ich sehe auch viele meiner Aktivitäten als politisch an**: Was und wo ich einkaufe, egal ob Lebensmittel oder Kleidung. Wenn ich als Lehrerin arbeite, trage ich dazu bei, dass eine neue Generation demokratisch-mündiger Bürger heranwächst. Ich informiere mich täglich über das tagesaktuelle Geschehen in Schweden und in Deutschland.
Aber ich sehe es auch als mein gutes Recht an, dass ich mich zurück ziehe, ja genau, um Stressabbau zu betreiben. Das ist nämlich auch eine gesellschaftliche-politische Tendenz, dass weniger Menschen immer mehr arbeiten sollen. Ich arbeite beispielsweise 45 Stunden/Woche (laut Vertrag, praktisch sind es noch mehr) und es ist ein stressiger Job! Inklusion, Integration, fehlende Lehrmittel, lange Anfahrtswege, Verwaltungskram usw. fordern ihren Tribut. Da kann niemand von mir verlangen, dass ich mich dann auch noch in Gremien, Parteien oder anderen Gruppen engagiere.

Da ich mich selbst aber durchaus als politischen Menschen bezeichnen würde, bin ich auch sehr an den größeren Zusammenhängen interessiert, die ja inzwischen oftmals weltumspannend sind. Das muss ich aber nicht in dem Takt der Ereignisse tun. Und damit bekenne ich mich hier zu meiner Vorliebe für slow journalism - langsamen Journalismus. Ich würde jetzt nicht unbedingt Geld für ein exklusives britisches Magazin ausgeben, das 3 Monate alte Nachrichten aufbereitet - ich lese einfach alte Zeitungen. Gute
Zeitungen, die mich tiefer gehend und umfassend informieren. Am Freitag habe ich mir die Zeit vom 15. Januar am Bahnhofskiosk geholt - da war in Deutschland schon eine neue Ausgabe erschienen. Nun lese ich mich durch diese Zeitung, zurückgezogen in unserem Wohnzimmer, zwischen Reihen an meinem Strickprojekt, mit selbstgebackenen Keksen und Bio-Tee...
*Gerade weil mehr Menschen handarbeiten, klingt bei manchen im Unterton mit:
Aha, bist du auch einem Trend aufgesessen...
**Ich habe mal gelesen, aber ich weiß nicht mehr wo, dass je sozialdemokratischer/linker ein Mensch politisch eingestellt ist, desto
mehr sieht man sein eigenes Handeln als politisches Tun, z.B. den Kauf einer fairtraide-Schokolade. Interessant, oder?