Samstag, 15. Dezember 2012

Wandertagebuch: Annäherung an ein Teiletappenziel

Es ist wieder mal an der Zeit etwas ins Wandertagebuch zu schreiben, nun wo ein Teiletappenziel fast erreicht. Nur noch eine Woche, dann ist der Einführungskurs für die Lehrerweiterbildung abgeschlossen. Endlich. Ich will nicht wieder in die Tiefe gehen, aber dieser Kurs hat mich doch oft verärgert, verbittert und viel Energie gefressen, die anderswo sinnvoller eingesetzt hätte werden können. Sei es das arrogante Verhalten der Dozenten oder einfach immer wieder die eigene Macht- und Hilflosigkeit zu spüren, das ist anstrengend. Nun ist aber die Abschlussarbeit geschrieben. Die hat mich auch viel Überwindung gekostet, denn die Fragen lauteten so ungefähr 'welche deiner früheren Lehrmethoden und Kenntnisse kannst du in Schweden anwenden und welche nicht?' oder 'Beschreibe deine Entwicklung während des Kurses'. Naja, ich habe dann den Aufsatz aber dann doch ernsthaft geschrieben und bin nun ganz zufrieden mit meinem Werk. Nächste Woche ist dann noch eine Diskussionsrunde darüber und dann ist dieser Kurs abgeschlossen. Puh. Dann stehen ja noch weitere 3 Semester an, bis ich die Lehrerzulassung erhalte, aber ich hoffe stark auf eine Verbesserung des Niveaus und der Organisation der Kurse, wenn ich nun an den 'normalen' Lehrstühlen mit 'normalen' Studenten studieren kann. Wir werden sehen.
Ansonsten bin ich heute recht nachdenklich und vielleicht auch etwas (zu) melancholisch. Obwohl die Sonne scheint geschienen hat. Ich schlafe wahnsinnig schlecht und wache nachts etwa alle zwei Stunden auf. Das Wiedereinschlafen fällt schwer, meine Gedanken kreisen um dieses und jenes. Dass mein Mann und meine Familie liebevoll darauf hinweisen, dass ich zu viel denke, ist in diesem Fall nicht besonders hilfreich.
Seit wir in den USA waren und ich viele meiner Fäden in die Heimat gekappt habe, habe ich Zukunfts-/Existenzängste. Wenn ich zum Beispiel täglich in der Zeitung über die aktuelle Debatte bezüglich der Altersarmut von Frauen hier in Schweden lese und dass am häufigsten betroffen Einwanderinnen sind, dann macht mich das nachdenklich. Natürlich bin ich nicht die 'typische' Einwanderin, ich denke ich habe schon viel geschafft. Aber es fehlt mir grad der Optimismus zu sagen, das wird schon. Immerhin hoffe ich, dass ich zumindest zu meinem 30. Geburtstag auf dem Arbeitsmarkt bin und dann endlich auch in die Rentenkasse, Arbeitslosenversicherung, usw. einzahlen kann. Denn im Moment habe ich - außer auf eine Krankenversicherung - ja überhaupt nichts. Im Falle von Arbeitslosigkeit oder längerer Krankheit bekomme ich hier gar nichts, denn man muss um Ansprüche zu haben, immer mind. 2 Jahre gearbeitet haben (was ja auch irgendwie verständlich ist). Ich muss ja wieder ganz von vorne anfangen. Mir ist diese Grundsicherheit und das Grundvertrauen, das ich in Deutschland spürte, abhanden gekommen. Ich fühle mich sehr ausgesetzt, immer wieder merke ich, dass ich zum schwächsten Glied der Gesellschaft gehöre, wenn auch zur "obersten Schicht" im schwächsten Glied... Ich bin so froh, wenn ich mich 2014 dann endlich um die permanente Aufenthaltserlaubnis bewerben kann, im Moment habe ich ja nur eine vorläufige auf zwei Jahre, die an die Auflage "Ehe mit einem Schweden" geknüpft ist.
Ganz kann ich diese Gedanken auch an anderen Tagen nicht beiseite schieben, aber besonders deutlich treten sie vielleicht heute hervor, weil mir die Dunkelheit heute doch recht zusetzt. Als ich hier Austauschstudentin war, fand ich das ganz spannend - mit dem Wissen, dass das eine einmalige Erfahrung sein wird. Haha. Hätte ich damals doch geahnt, dass ich jetzt hier sitze und damit hadere, dass mich das nun jedes Jahr erwarten wird... Aber bei diesem Gedanken muss ich doch nun lächeln! Was hätte ich damals doch alles gegeben um so authentisch schwedisch wie möglich zu leben, die Sprache (fast) akzentfrei zu sprechen usw. - jetzt habe ich das alles und den besten Mann der Welt dazu - und bin doch nicht ganz zufrieden. Wie sagt meine kluge Mama immer: Man möchte wohl immer das, was man gerade nicht haben kann.
Ja, und während hier mal wieder von der Ostsee ein Sturm mit Schnee und Schneeregen ums Haus tobt, hätte ich einfach gerne meine Freunde und Familie hier um zu basteln oder zu backen, gemeinsam zu essen und zu reden. Oder ich würde einfach gerne mal übers Wochenende zu Freunden fahren, die grad eine schwere Zeit durchmachen und sie besuchen. Das geht leider alles nicht. Dass es nun die Möglichkeit von Internet und schneller/einfacher Kontaktaufnahme gibt, ist zwar ein schwacher Trost, aber es kann das andere einfach nicht ersetzen.
 Trotzdem freut es mich immer sehr, wenn ich hier so nette Kommentare und von Herzen kommende Worte finde. Habt vielen Dank dafür!
 Nun will ich auf jeden Fall noch das Beste aus diesem stürmischen Tag machen und fange mit einer Tasse Tee und Kuchen an :) Und wie ich schon mehrmals geschrieben habe - ja, es ist nur noch eine Woche, dann ist sowohl ein Abschnitt der Weiterbildung vorbei als auch die allerdunkelste Zeit!


5 Kommentare:

  1. Der schwedische Winter scheint dich ja sehr nachdenklich zu machen... wie schön aber doch, dass es nun weiter geht und du wieder eine kleine Etappe des Weges geschafft hast. Ich bin ja mit 40 noch nicht auf dem Arbeitsmarkt und habe Gedanken a`la "Rentenkasse" ehrlich gesagt immer weg geschoben. Aber du schaffst das ganz bestimmt und wirdst deinen Weg weiter gehen.
    LG und ein schönes Wochenende, Micha

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  2. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn es den ganzen Winter komplett finster ist. Mir macht das trüb-neblige Wetter hier ja schon zu schaffen, vor allem wenn ich weiß, in meiner Heimat gibts grad strahlende Herbst- und Wintertage. Ich weiß nicht was ich schreiben kann um Dich ein bisschen aufzumuntern, aber in dunklen und trüben Zeiten finde ich den Spruch immer so schön: Immer wenn Du meinst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her... Ich wünsch Dir ein strahlend helles Lichtlein und einen schönen gemütlichen Abend mit Deinen Lieben.
    LG, Carmen

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  3. Viel hat da wohl auch mit der Dunkelheit zu tun. Mein Bruder, der doch ein bisserl südlicher als du bist (in DK) sagt auch schon, dass er mit seiner Stimmung zu kämpfen hat wegen der vielen Dunkelheit.
    Ich wünsch dir alles Gute. Und Freude an den Möglichkeiten der Technik, die Nähe zu Menschen in weiter Ferne wenigstens ein bisschen ermöglichen.
    Alles, alles Liebe. maria

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  4. Zwischen der Touristenliebe und dem Sprung in wirkliche Leben eines anderen Landes ist eben doch ein großer Unterschied und diese Gedanken sind mehr als berechtigt. Zulassen ... und dann doch versuchen das Beste daraus zu machen. Ich wünsche es dir!

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  5. Liebe Barbara!
    Ja da geht es mir wohl genau so wie dir: dass ich soooo gerne öfter auf einen Sprung bei dir vorbeischauen möchte - nur um kurz gemeinsam zu ratschn, Tee zu trinken, basteln, ....
    Zum Glück schreibst du deinen Blog so anschaulich, das ich ein bisschen das Gefühl habe mitzubekommen was dich so bewegt und wie alles läuft :-)
    Diese Dunkelheit ist bestimmt sehr anstrengend. Mehr als dass du dich auf die anstehende Helligkeit (Wintersonnenwende :-))) freuen kannst, weiß ich da nicht zu raten. ;-)
    "Mach dir nicht so viele Gedanken" ist ein guter Rat *grins* und sobald ich weiß wie das in echt funktioniert und umsetzbar ist, bist du die Erste die es von mir erfährt *hahaha*. Aber das Thema Rente würde ich in deinem jugendlichen Alter ;-) wohl wirklich erst mal weit nach hinten schieben. Genieß erst mal das wohlverdiente erste Etappenziel (Weiterbildung - Kompliment!!!) und feier die Adventszeit schön!
    Alles alles Liebe und Gute vom Süden!
    Karin

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