Freitag, 28. Dezember 2012

Wandertagebuch: Rückblick

Genau vor einem Jahr saß ich auch hier, hier in meinem Mädchenzimmer. Und habe mir den Kopf zerbrochen, wie es denn 2012 weitergehen würde. Denn nach einem halben Jahr in den USA stand für mich fest, dass es so nicht mehr weitergehen kann - bzw. nur zu einem sehr hohen Preis. Und den war ich nicht bereit zu zahlen. Mir sind Familie, Partnerschaft, psychische Gesundheit usw. wichtiger als eine sog. Karriere. Zwischen Weihnachten und Neujahr vor einem Jahr musste ich dann die Entscheidung treffen und im Rückblick bin ich nun sehr dankbar und erleichtert, dass ich mich getraut habe, vom Weg abzubiegen und einen anderen Weg einzuschlagen. Viele haben es vielleicht nicht verstehen können, wie man so ein Angebot und so eine Karriere ausschlagen kann, aber für mich war es richtig und wichtig dort nicht weiter zu gehen.
Im Januar musste ich aber nochmal in die USA zurück reisen, mein Vertrag ging ja noch (mindestens) bis 1. Mai. Und mit meinem Chef musste ich dann auch reden. Mein Mann und ich mussten uns auch eine Alternative einfallen lassen, denn wenn man weiß, was man nicht (mehr) will, muss man dann auch zumindest ungefähr wissen, wohin es weiter gehen wird. Eine schwierige Zeit. Gleichzeitig war genau im Januar auch die Zeit, in der ich in der Arbeit noch einmal so viel geben musste, weil im Februar wichtige Konferenzen anstanden, bei der ich meine Arbeiten präsentieren musste. Arbeiten, hinter denen ich nicht mehr stehen konnte und mit denen ich innerlich schon fast abgeschlossen hatte. Und jeden Abend viele Runden im Internet auf der Suche nach Informationen und Alternativen.
Im Februar waren wir dann wahnsinnig viel unterwegs. Zuerst eine Reise nach Hawai'i, wo ich einen Teil meiner Arbeit präsentierte. Obwohl mir eigentlich vor jeder Reise graut (Reiseangst bzw. Reisekrankheit ist vielleicht nicht die beste Voraussetzung, wenn man eine internationale Beziehung führt...), konnte ich diese Reise doch genießen. Auf dieser Konferenz mit lauter Experten fand ich für mich selber noch mal die Bestätigung, dass das nicht mein Weg sein kann und nicht sein wird. Nach der ganzen Herumgrübelei im Januar tat es gut, den Ort zu wechseln, und in den Konferenzpausen in einen ganz neue, exotische Welt einzutauchen. Diese Reise war so einmalig und wird unvergessen bleiben.
Anschließend ging es noch nach New York auf eine andere Konferenz, wo wir auch Zeit hatten, die Stadt zu erkunden. Es tat wirklich gut, den engen Mittleren Westen zu verlassen und herumzureisen. Als wir dann zurück kamen, war es fast März und vieles war klarer. Wir würden zurück nach Europa ziehen, in das Heimatland meines Mannes. Ich würde an einer Lehrerweiterbildung teilnehmen und in meinen 'alten' Beruf zurückkehren. Mit Menschen und für Menschen zu arbeiten entspricht doch so viel mehr dem, was ich im Leben für wichtig finde.
Im März durften wir die Tornado-Season mit erleben und es wurde mehrmals so deutlich, dass auf Regen und Sturm auch immer wieder die Sonne folgt. Meine Zeit in den USA ging mit großen Schritten dem Ende zu und wir unternahmen einige letzte Ausflüge. Rückblickend muss ich sagen, dass es nicht eine einzige Sache gibt, die ich vermisse. Und das bestätigt mir, dass die Entscheidung gut und richtig war. Ende April landete ich wieder in München und konnte endlich wieder freier atmen.
Ich machte viele Spaziergänge in den Wäldern meiner Kindheit, die so viel für mich bedeuten. Ich freute mich auf den neuen Weg und den neuen Lebensabschnitt, der nun so unmittelbar vor mir lag. Mitte Mai kam mein Mann aus den USA nach und wir stürtzten uns mitten in die Hochzeitsvorbereitungen.
Speisekarten, Liedhefte usw. wollten zweisprachig gestaltet sein. Tischkärtchen, ein Gästebaum und ähnliches wollte ich natürlich auch selber machen ebenso wie die Myrthenanstecker für die Gäste. Was für eine intensive Zeit! Und zwischendrin wollte ja auch noch der Sprachtest gemacht werden... Wir sprinteten regelrecht durch den Mai und schon kam der Juni und dieser ganz besondere Tag.
Leider ging es danach irgendwie weiterhin so flott weiter. Nur ein paar Tage nach der Hochzeit fuhren wir schon zum Flughafen. Dort erreichte mich die Nachricht, dass meine Mama, der es schon bei der Hochzeit schon recht schlecht ging (wir dachten die Aufregung usw.) nun im Krankenhaus ist. Mit einem Mal brachen über mir die ganzen Worst-Case-Szenarien herein. Niemand wusste, wie ernst es war. Sollte ich abreisen, was für eine Tochter wäre ich da?! Soll ich bleiben und alle Pläne für die kommenden Tage (Migrationsverket usw.) aufschieben?! Diese Meter bis zum Check-In und der Sicherheitskontrolle waren so ein schwerer Weg. Schließlich bin ich geflogen, und im Nachhinein war es ja auch in Ordnung so, aber ich frage mich schon immer noch, ob das ganz und wirklich richtig war. Ich weiß es nicht.
Der Juli stand ganz im Zeichen der Behördengänge. Viele Wege, immer wieder. Dabei ahnten wir noch nicht, wie sich das alles hinziehen würde. Wir putzen und renovierten in der Wohnung, die mein Mann schon vor unserer Zeit in den USA hatte und ich versuchte sie auch ein bisschen zu 'meiner' Wohnung zu machen. Denn wer viel unterwegs ist, braucht auch eine gute Basisstation. Inzwischen würde ich diese Wohnung schon mein Zuhause nennen, aber daheim ist einfach etwas anderes. Ende Juli flog ich wieder nach Bayern um mit meinen Eltern das Auto zu packen und einen Teil meiner Sachen 2000 km in den Norden zu fahren. Eine weite Reise und auch eine komische Reise. Ich glaube, jeder von uns hatte sehr gemischte Gefühle. Die Strecke, die wir vor 11 Jahren zum ersten Mal im Urlaub befahren hatten, hatte einiges an Reiz verloren. Meine Eltern mussten mich viel zu weit weg von daheim bringen und ich fuhr viel zu weit weg von daheim. Das Austauschjahr 2007/08 und auch das USA-Projekt waren begrenzt, jetzt hatte der Umzug so etwas endgültiges und unbefristetes.
Ab August war es Licht und Schatten. Ich begann diese Weiterbildung, focht meine Kämpfe mit den Behörden aus und versuchte mich in Sthlm einzurichten. Ich reiste wieder für eine Woche heim um den runden Geburtstag meiner Oma mitfeiern zu können. Mein Mann war in den Weiten Zentralasiens ohne Handyempfang oder ähnliches. Ich bekam Besuch, aber nach jedem Besuch fühlte ich mich einsamer als vorher. Ich war bin so ungeduldig mit mir. Ich dachte, ich kann die Sprache und ich habe schon einmal für 13 Monate hier gelebt, also muss das alles nun funktionieren. Aber das tat es nicht. Was für ein Herbst, der da kam!
Der Herbst fühlte sich wie ein einziges Auf-der-Stelle-treten an. Einen Schritt vor, zwei zurück. Rückblickend sehe ich aber doch, dass etwas passiert ist. Im Herbst habe ich schließlich meine Aufenthaltsgenehmigung, meine ID-Karte und ein Bankkonto bekommen. Ich habe an einem 15-wöchigen Intensivkurs in Demokratie, Pädadogik und schwedisches Schulwesen teilgenommen und habe ihn bestanden. Ich habe Menschen kennen gelernt, die zwar noch keine Freunde sind, aber Weggefährten, die auch ihren Weg in die schwedische Gesellschaft und in den schwedischen Arbeitsmarkt suchen. Das verbindet über Alter-, Sprach- und Kulturgrenzen hinweg.
Manche Aufreger des Herbstes verblassen und ich kann mich mit meiner Situation inzwischen ganz gut arrangieren. So ist es nun mal und das lässt sich nicht ändern. Oder wie mein Mann sagt: Jetzt muss man das Beste daraus machen. Andere Wunden blieben aber und die reißen immer wieder auf. Wenn man in einem Land kein Gast mehr ist, sondern ein Einwanderer - ein Eindringling. Das kleine Volk der Schweden musste in den letzten Jahren viele Einwanderer und Asylbewerber aufnehmen und das schafft Unruhe. Das bekommen alle zu spüren.
Und das Heimweh. Ob das je aufhören wird, das weiß ich nicht. Es tut mal mehr und mal weniger weh, aber es ist irgendwie immer da.
Es war wirklich ein langer Weg, 2012. Räumlich habe ich riesige Entferungen zurück gelegt und war immer irgendwie unterwegs. Und auch meine Lebenssituation war ständig in Veränderung. So lange Wegstrecken und und so viele Veränderungen brauche ich nicht unbedingt im nächsten Jahr schon wieder.

Jetzt sind wieder die Tage zwischen den Jahren. Im Vergleich zum letzten Jahr bin ich jetzt mit meiner Situation weitest gehend im Reinen. Das fühlt sich gut an. Die steilen Wegstücke hatten vielleicht auch einen guten Trainingseffekt, ich fühle mich auf vieles vorbereitet. Ich freue mich auf das neue Jahr, das nächste Wegstück.

7 Kommentare:

  1. Liebe Barbara!Ich wünsche Dir von Herzen nur das Allerbeste für 2013! ♥ Schritt für Schritt vorwärts, wie Du es immer machst, mit der richtigen Portion Optimismus, hast Du sicher ein wunderschönes Jahr vor Dir. Und in den schwierigeren Zeiten weißt Du, wo Deine Wurzeln sind. Alles, alles Liebe, Martina :-)

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  2. Ich wünsche dir, dass du dir die Freude für den weiteren Weg erhalten kannst. Auch wenn es mal holpriger wird. Aber nach deinem und euren wirklich sehr abwechslungsreichen Jahr kann 2013 doch fast nur ganz ruhig werden :-)
    Liebe Grüße
    Stefanie

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  3. Ja auch ich wünsche Dir ein freudiges "ankommen" in Deiner neuen Heimat im neuen Jahr, ein neues Zuhausefühlen und Freunde finden. Ein Genießen und Bewundern können!

    Liebe Grüße Tinki

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  4. Was für ein aufregendes Jahr! Mir war irgendwie gar nicht so klar, dass du eigentlich von den USA aus nach Schweden gestartet bist, dann kann ich mir ja noch mehr vorstellen, was für eine große Umstellung das ist und das auch das Tempo der Schweden / in Schweden noch mal einen ganz großen Unterschied zu dem in Amerika ausmacht. Vielleicht ist jetzt mit so einem Rückblick eine gute Zeit zum Durchatmen und sich dann aufs neue Jahr freuen.
    LG, Micha

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  5. Liebe Barbara!
    Ein Rückblick mit wundervollen Bildern, viel Auf und Ab, aber immer DEIN Weg, Respekt! Für 2013 wünsche ich dir das Allerbeste und mögen sich deine Wünsche erfüllen!
    Alles Liebe,
    Karin

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  6. Ein wahrhaft turbulentes Jahr. Als neue Blogleserin freue mich, dass ich dich unbekannterweise 2013 ein Stück begleiten kann und wünsche dir dabei mehr Sonnen- als Schattentage!

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  7. Hallo,
    das klingt wirklich nach einem sehr aufregenden Jahr 2012. Ich wuensche dir fuer 2013 viel Ruhe und geordnetere Verhaeltnisse. Insbesondere wuensche ich dir, dass sich deine Arbeitssituation bessert und du in deinem Job endlich arbeiten kannst.
    Viel Glueck!
    Kathrin

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