Mittwoch, 12. Februar 2014

Pisa-Schock in Schweden Teil 4: Meine Meinung

Zum Nachlesen:
Teil 1: Das Schulsystem
Teil 2: Ein Schultag
Teil 3: Die Krise
"Die Schule ist die absolut wichtigste Wahlfrage"
So lautete die Schlagzeile vor ein paar Tagen auf der ersten Seite der Dagens Nyheter. Nachdem ich versucht habe, das Schulsystem mit seinen Eckpunkten ein bisschen näher darzustellen und auch die kritischen Aspekte der Schulkrise zu beleuchten, so möchte ich heute noch meine persönliche Meinung hier zum Ausdruck bringen. Natürlich bin ich kein absoluter Schulexperte, da gibt es sicher die, die noch besser eingelesen/eingearbeitet sind. Ich bin einfach eine 'normale' Lehrerin, die sowohl mit dem bayerischen Schulwesen vertraut ist, als auch nun mit dem schwedischen.
Als ich 2008 als Austauschstudentin für eine Woche ein Praktikum an einer Stockholmer Grundschule machen durfte, hat mich vieles sehr stark begeistert. Die betreuenden Lehrer waren auch sehr geschickt darin, alles als ungeheuer gut und fortschrittlich darzustellen. Manches finde ich immer noch gut, aber vieles hat dem 'Praxistest' leider nicht standgehalten.
Was ich am schwedischen Schulsystem sehr gut finde, ist die gemeinsame neunjährige Grundschulzeit. Auch dass bis zur sechsten Klasse keine Noten vergeben werden, entspannt den Schulalltag doch deutlich. An das Schulessen und die Ganztagsform (die i.d.R. für die jüngeren Kinder eh nur bis 14 Uhr geht) kann man sich auch ohne Probleme gewöhnen.
Wenn man dann aber ein bisschen in die Tiefe geht, dann kratzt man meiner Meinung nach schon an einigen Problemen, davon sicher nicht wenige hausgemacht. Für absolut indiskutabel halte ich natürlich den Einsatz von 'Lehrkräften' ohne pedagogische Ausbildung. Ebenso finde ich das gewinnorientierte Wirtschaften im Schulbereich sehr verwerflich.
Natürlich kann man immer mit dem Gedanken spielen, wie wäre es beispielsweise mit dem deutschen Schulwesen weiter gegangen, hätte es nicht den Pisa-Schock 2001 gegeben. In Schweden hat man sich sicherlich von guten Testergebnissen und den Lobeshymnen ausländischer Bildungsbeamter einlullen lassen und lange nicht gemerkt/nicht merken wollen, dass hier etwas schief läuft.
Im schwedischen Schulwesen kämpft man wie in den anderen Industrieländern sicher auch mit der 'digitalen Demenz', was sicher nicht positiv zum Leseverhalten und der Schreibsicherheit beträgt. Ich habe es aber auch an nicht wenigen Schulen, u.a. auch mit vielen Schülern mit Migrationshintergrund, erlebt, dass bei Schwierigkeiten die Lösung oft ein ipad o.ä. war. Das Kind mit unzureichenden Sprachkenntnissen oder anderem Förderbedarf saß dann die ganze Stunde allein und ohne Lehrerbetreuung und hat Mathespiele auf dem Computer gespielt. Deshalb ist meine Meinung, dass die zunehmende Digitalisierung ohne kritisches Infragestellen sicher ein Problem des schwedischen Schulwesens ist. Natürlich schaut es sehr fortschrittlich aus, wenn alle Schüler einer Klasse am eigenen ipad sitzen und der Lehrer am smartboard steht, aber im Moment zumindest empfinde ich die Arbeit damit als zu einseitig positiv und unkritisch betrachtet, mit den daraus resultierenden Nachteilen.
Ähnlich wie eben bei der 'Hyperdigitalisierung' ist man im schwedischen Schulwesen im Moment überraschend anfällig für pädagogische Trends. Da holt man sich eine Leselernsystem aus Neuseeland (eigentlich für die englische Sprache entwickelt und somit nur bedingt ins Schwedische übertragbar), ein anderes Erstschreibsystem aus Norwegen usw. Es geht so von Null auf Hundert und dann wieder zurück. Und hier komme ich zu einem weiteren Kritikpunkt, der eng an diesen 'Trendimport' anknüpft: Die meisten der schwedischen Lehrer arbeiten unheimlich eng an ein Lehrmittel/Lehrbuch geknüpft. Entscheidet sich die Schule beispielsweise mit dem neuseeländischem Kiwi-System zu arbeiten, dann wird für tausende Kronen beim Lehrmittelverlag das komplette Set bestellt und mit diesem dann auch ausschließlich gearbeitet, von A-Z. Ebenso im Matheunterricht: Sind im Mathebuch nur drei Übungen zu diesem Thema präsentiert, dann erscheint das als ausreichend und wird nur in seltenen Fällen mit Zusatzmaterial vertieft und wiederholt. Ich vermisse die Gründlichkeit, für die durchaus Zeit wäre, meiner Meinung nach.

Natürlich kann ich manches nur anreissen und skizzenhaft darstellen, in Details könnte ich mich abendfüllend verlieren, ist aber wohl auch nur bedingt interessant ;) Es liegt eindeutig einiges im Argen, aber nichts, was man nicht mit frischem Mut und ein paar kleineren Korrekturen ändern könnte. Das größere Übel ist eigentlich, dass diese Schulkrise im Moment wirklich so von den Medien und Politikern zu dem Wahlkampfthema schlechthin gemacht wird, so dass im Moment weder Eltern, Schüler noch Lehrer zur Ruhe kommen können. Und das wäre zum jetzigen Zeitpunkt wohl das wichtigste: Zur Ruhe kommen, eine objektive (nicht von Parteien in Auftrag gegebene) Bestandsaufnahme machen und dann gemeinsam mit kompetenten Lehrern gradweise den Kurs ändern und den Dampfer zurück in die Fahrrinne bringen.

Noch ein Kuriosum am Rande: Ich hatte ja letzte Woche berichtet, dass sich sehr viele Lehrer überlastet und ausgelaugt fühlen. Gestern kam ein "Wink mit dem Zaunpfahl", ohne Beischreiben oder ähnliches in meinen Postkasten. In einem Kuvert, auf dem ich glücklicherweise immerhin meinen Arbeitgeber als Absender lesen konnte, lag dieses Buch: "Schlau und faul. Die besten Tipps vom Stressdoktor für alle die sich wahnsinnig stressen". Da sage noch mal einer, die Kommune würde sich nicht um ihre Lehrer kümmern ;)

1 Kommentar:

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