Ja, es lässt sich kaum leugnen,
das schwedische Schulwesen steckt in der Krise und wird im Superwahljahr zum
Politikum. Alle haben eine Meinung und scheuen sich nicht, diese in diversen
Debatten in der Tagespresse kund zu tun.
Mit meiner deutschen
Lehrerausbildung im Gepäck besuche ich gerade eine Weiterbildung um nach diesem
vierten und letzten Semester das schwedische Lehrerexamen zu erhalten.
Gleichzeitig arbeite ich als Muttersprach-/Deutschlehrerin und komme an vielen
verschiedenen Schulen herum. Ehrlich gesagt, finde ich die Stimmung im Moment
ziemlich bedrückend und wenig aufmunternd. Dass in Deutschland immer noch
Kompendien wie „Macht Knäckebrot schwedische Kinder klüger?“ (einfach googlen,
dann kommt man zum pdf; ich konnte den Link hier irgendwie nicht einbetten)
kursieren, lässt meinen Blutdruck steigen. Was dort geschildert wird, passt
nicht mit meinem Gesamteindruck des schwedischen Schulwesens zusammen. Über
meine persönliche Meinung will ich aber erst im nächsten Beitrag schreiben,
heute soll es um die Kernpunkte der Schulkrise gehen.
Den ersten Teil über den Aufbau
des Schulsystems und den zweiten Teil über schwedischen Schulalltag gibt es
hier (Schulsystem) und hier (Alltag) zum Nachlesen.
Zunächst ist so eine Krise
natürlich auch ein Konstrukt der Medien, der Gesellschaft und der Politik. Im
Moment hat man aber das Gefühl, es ist eine unaufhaltsame Spirale abwärts, eine
„self-fulfilling prophecy“, ein Fass ohne Boden. Täglich kommen neue
Schreckensmeldungen ans Licht. Ich versuche die kritischen Punkte ein bisschen
aufgegliedert darzustellen.
Die Schüler:
Die sinkenden Schülerresultate
in allen Fächern haben erst dazu geführt, dass man wieder mehr den Blick auf
die Schulen gelenkt hat. Im Moment gibt es dazu folgende ‚Problempunkte‘:
- allgemeiner Leistungsabfall: In allen Bereichen liegt
Schweden unter dem OECD-Durchschnitt bei der PISA-Studie; auch andere
internationale Studien verstärken diesen Eindruck
- Schwedisch und Leseverständnis: Im Durchschnitt verlässt
jeder fünfte schwedische Schüler (Jungen; bei Mädchen sieht es etwas besser
aus) ohne die notwendige Lesekompetenz, einen einfachen Zeitungsartikel zu
verstehen.
- Mathematik: Weniger als 50% der Studienanfänger bestehen
einen Mathe-Eignungstest der Technischen Universität (im Vergleich zu gut 70%
in den 70er Jahren)
- Mehr und mehr Schüler klagen über schlechte
Arbeitsbedingungen, zuletzt von den Gesundheitsbehörden aufgegriffen: Nur die
wenigsten haben das Gefühl, dass sie die notwenige Arbeitsruhe im Klassenzimmer
vorfinden.
Ich habe diese Punkte
ausgewählt, weil sie – natürlich etwas punktuell
darstellen – ein gutes Gesamtbild vermitteln: Es hakt an allen Ecken und Enden.
Die Lehrer:
Sind vermutlich ein Teil des
Problems selbst, aber leiden auch extrem unter der Situation.
- Schweden war eines der wenigen Länder, in der man auch
ohne formale Lehrerausbildung als Lehrer arbeiten konnte/teilweise immer noch
kann. Grafiker unterrichten Kunst, deutsche Ökonomen geben Deutschunterricht
usw. Pädagogische oder didaktische Grundkenntnisse – nicht erforderlich.
- Ein Schwall an Pflichtweiterbildungen und Reformen
überschüttet jetzt die Lehrer – Stress!
- Wenig Kompetenz und Profession drücken allgemein die
Löhne. Seit Jahren kämpfen die Lehrer nun, dass sie endlich angemessene Löhne
bekommen.
- 81% der Lehrer empfindet die Arbeitsbelastung an der
Schule als unzulässig.
- 75% der schwedischen Lehrer geben äußern gegenüber dem
schwedischen Lehrerreichsverband*, dass sie an Schlafstörungen leiden.
- 90% der Lehrer sehen die Ursache für die größere
Arbeitsbelastung in den jüngsten Reformen.
- 65% der Lehrer hat nicht genügend Zeit für die
Unterrichtsvor- und nachbereitung.
- 70% der Lehrer empfinden, dass ihr Beruf ihre Freizeit
negativ beeinflusst
(alle Zahlen: Lärarnas
Riksförbund)
Die Politik:
Die Politiker befinden sich im
Wahlkampf und die Schule ist nun ein gefundenes Fressen:
- Schwedens Bildungsminister ist ein ehemaliger Major, der
gerne mehr Ordnung in die schwedische Schule bringen will.
- Die politischen Parteien zerfleischen sich zwischen „Wahlfreiheit
für Schüler und Eltern“ und „keine finanziellen Gewinne im Schulbereich“.
- Die aktuelle Regierung, die auch die vorherige war,
versuchen die Schule ‚gesund zu reformieren‘. Die Reformen der letzten Jahre:
Ein neuer Lehrplan, Noten ab der 6. Klasse (statt bisher 8.), verpflichtende
Lehreraus-/weiterbildung und eine Lehrerzulassung, mehr Dokumentation, mehr
Verwaltung.
Die Gesellschaft:
Die Gesellschaft ist natürlich
empört und es muss schmerzhaft sein, einem der Flaggschiffe des Landes beim
Sinken zuzusehen. Zudem gibt es eine berechtigte Unruhe, wie es mit
qualifizierten Arbeitskräften aus dem eigenen Land weitergehen wird. Und jeder
hat eine Meinung, natürlich, schließlich ging ja jeder selbst zur Schule. Ein
Professor für Führungsqualität (ledarskap) äußert sich über eine ganze Seite in
der Sonntagsausgabe der Dagens Nyheter, warum man in Schweden jetzt das
französische Schulsystem als Vorbild nehmen soll. Schüler schreiben
Leserbriefe, dass sie die Lehrer als zu schlapp und laissez faire empfinden.
*Reichsverbund deshalb - Schweden ist keine Republik, sondern hat einen König als Staatsoberhaupt - daher Königreich

Ha, in vielerlei Hinsicht die gleichen Beschwerden wie bei uns in den letzten zehn Jahren (was Arbeitslast, Reformwut z.B. betrifft). Unglaublich finde ich allerdings das seltsame Konzept der Marktwirtschaft im Bildungsbereich - um Schüler werben findet zwar an den Gymnasien statt, aber eher mit einem durch Mehrarbeit der Lehrer geleisteten Aktionsfeuerwerk (beste Studienfahrten, beste Experimente, beste Ausstattung, tollste Profile und Zusatzangebote...).
AntwortenLöschenEbenso befremdlich finde allerdings, dass man ohne Lehrerausbildung unterrichten konnte, das geht in D nur an beruflichen Schulen. Und ich hätte auch an der Lehrerausbildung hier noch einiges zu bemäkeln (wobei sich das gebessert hat).
Eine größere Unruhe im Unterricht, tja, das ist so ein bisschen der Preis wenn man nicht nur Frontalunterricht hat. Aber das kann ja auch keiner mehr wiederhaben wollen?
Danke für die Einblicke!
frifris