Dienstag, 4. Februar 2014

Pisa-Schock in Schweden Teil 3: Die Krise



Ja, es lässt sich kaum leugnen, das schwedische Schulwesen steckt in der Krise und wird im Superwahljahr zum Politikum. Alle haben eine Meinung und scheuen sich nicht, diese in diversen Debatten in der Tagespresse kund zu tun.
Mit meiner deutschen Lehrerausbildung im Gepäck besuche ich gerade eine Weiterbildung um nach diesem vierten und letzten Semester das schwedische Lehrerexamen zu erhalten. Gleichzeitig arbeite ich als Muttersprach-/Deutschlehrerin und komme an vielen verschiedenen Schulen herum. Ehrlich gesagt, finde ich die Stimmung im Moment ziemlich bedrückend und wenig aufmunternd. Dass in Deutschland immer noch Kompendien wie „Macht Knäckebrot schwedische Kinder klüger?“ (einfach googlen, dann kommt man zum pdf; ich konnte den Link hier irgendwie nicht einbetten) kursieren, lässt meinen Blutdruck steigen. Was dort geschildert wird, passt nicht mit meinem Gesamteindruck des schwedischen Schulwesens zusammen. Über meine persönliche Meinung will ich aber erst im nächsten Beitrag schreiben, heute soll es um die Kernpunkte der Schulkrise gehen.

Den ersten Teil über den Aufbau des Schulsystems und den zweiten Teil über schwedischen Schulalltag gibt es hier (Schulsystem) und hier (Alltag) zum Nachlesen.


Zunächst ist so eine Krise natürlich auch ein Konstrukt der Medien, der Gesellschaft und der Politik. Im Moment hat man aber das Gefühl, es ist eine unaufhaltsame Spirale abwärts, eine „self-fulfilling prophecy“, ein Fass ohne Boden. Täglich kommen neue Schreckensmeldungen ans Licht. Ich versuche die kritischen Punkte ein bisschen aufgegliedert darzustellen.

Die Schüler:
Die sinkenden Schülerresultate in allen Fächern haben erst dazu geführt, dass man wieder mehr den Blick auf die Schulen gelenkt hat. Im Moment gibt es dazu folgende ‚Problempunkte‘:
-       allgemeiner Leistungsabfall: In allen Bereichen liegt Schweden unter dem OECD-Durchschnitt bei der PISA-Studie; auch andere internationale Studien verstärken diesen Eindruck
-       Schwedisch und Leseverständnis: Im Durchschnitt verlässt jeder fünfte schwedische Schüler (Jungen; bei Mädchen sieht es etwas besser aus) ohne die notwendige Lesekompetenz, einen einfachen Zeitungsartikel zu verstehen.
-       Mathematik: Weniger als 50% der Studienanfänger bestehen einen Mathe-Eignungstest der Technischen Universität (im Vergleich zu gut 70% in den 70er Jahren)
-       Mehr und mehr Schüler klagen über schlechte Arbeitsbedingungen, zuletzt von den Gesundheitsbehörden aufgegriffen: Nur die wenigsten haben das Gefühl, dass sie die notwenige Arbeitsruhe im Klassenzimmer vorfinden.

Ich habe diese Punkte ausgewählt, weil sie – natürlich etwas punktuell darstellen – ein gutes Gesamtbild vermitteln: Es hakt an allen Ecken und Enden.

Die Lehrer:
Sind vermutlich ein Teil des Problems selbst, aber leiden auch extrem unter der Situation.
-       Schweden war eines der wenigen Länder, in der man auch ohne formale Lehrerausbildung als Lehrer arbeiten konnte/teilweise immer noch kann. Grafiker unterrichten Kunst, deutsche Ökonomen geben Deutschunterricht usw. Pädagogische oder didaktische Grundkenntnisse – nicht erforderlich.
-       Ein Schwall an Pflichtweiterbildungen und Reformen überschüttet jetzt die Lehrer – Stress!
-       Wenig Kompetenz und Profession drücken allgemein die Löhne. Seit Jahren kämpfen die Lehrer nun, dass sie endlich angemessene Löhne bekommen.
-       81% der Lehrer empfindet die Arbeitsbelastung an der Schule als unzulässig.
-       75% der schwedischen Lehrer geben äußern gegenüber dem schwedischen Lehrerreichsverband*, dass sie an Schlafstörungen leiden.
-       90% der Lehrer sehen die Ursache für die größere Arbeitsbelastung in den jüngsten Reformen.
-       65% der Lehrer hat nicht genügend Zeit für die Unterrichtsvor- und nachbereitung.
-       70% der Lehrer empfinden, dass ihr Beruf ihre Freizeit negativ beeinflusst

(alle Zahlen: Lärarnas Riksförbund)
Die Politik:
Die Politiker befinden sich im Wahlkampf und die Schule ist nun ein gefundenes Fressen:

-       Schwedens Bildungsminister ist ein ehemaliger Major, der gerne mehr Ordnung in die schwedische Schule bringen will.
-       Die politischen Parteien zerfleischen sich zwischen „Wahlfreiheit für Schüler und Eltern“ und „keine finanziellen Gewinne im Schulbereich“.
-       Die aktuelle Regierung, die auch die vorherige war, versuchen die Schule ‚gesund zu reformieren‘. Die Reformen der letzten Jahre: Ein neuer Lehrplan, Noten ab der 6. Klasse (statt bisher 8.), verpflichtende Lehreraus-/weiterbildung und eine Lehrerzulassung, mehr Dokumentation, mehr Verwaltung.

Die Gesellschaft:
Die Gesellschaft ist natürlich empört und es muss schmerzhaft sein, einem der Flaggschiffe des Landes beim Sinken zuzusehen. Zudem gibt es eine berechtigte Unruhe, wie es mit qualifizierten Arbeitskräften aus dem eigenen Land weitergehen wird. Und jeder hat eine Meinung, natürlich, schließlich ging ja jeder selbst zur Schule. Ein Professor für Führungsqualität (ledarskap) äußert sich über eine ganze Seite in der Sonntagsausgabe der Dagens Nyheter, warum man in Schweden jetzt das französische Schulsystem als Vorbild nehmen soll. Schüler schreiben Leserbriefe, dass sie die Lehrer als zu schlapp und laissez faire empfinden.

 *Reichsverbund deshalb - Schweden ist keine Republik, sondern hat einen König als Staatsoberhaupt  - daher Königreich

1 Kommentar:

  1. Ha, in vielerlei Hinsicht die gleichen Beschwerden wie bei uns in den letzten zehn Jahren (was Arbeitslast, Reformwut z.B. betrifft). Unglaublich finde ich allerdings das seltsame Konzept der Marktwirtschaft im Bildungsbereich - um Schüler werben findet zwar an den Gymnasien statt, aber eher mit einem durch Mehrarbeit der Lehrer geleisteten Aktionsfeuerwerk (beste Studienfahrten, beste Experimente, beste Ausstattung, tollste Profile und Zusatzangebote...).
    Ebenso befremdlich finde allerdings, dass man ohne Lehrerausbildung unterrichten konnte, das geht in D nur an beruflichen Schulen. Und ich hätte auch an der Lehrerausbildung hier noch einiges zu bemäkeln (wobei sich das gebessert hat).

    Eine größere Unruhe im Unterricht, tja, das ist so ein bisschen der Preis wenn man nicht nur Frontalunterricht hat. Aber das kann ja auch keiner mehr wiederhaben wollen?

    Danke für die Einblicke!
    frifris

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