Zuhause öffne ich das Paket - und es ist das "Falsche"! Nikolaus- und Namenstagsgeschenke statt grüner Zweige. Durch einen Tränenschleier hindurch nehme ich das liebevoll selbstgebastelte Vogelhäuschen wahr, aber ich kann mich nicht darüber freuen. Zum ersten Mal seit ich in der
Heute Morgen erwache ich vom starken Regen und Sturm, der ums Haus tobt. Es ist noch dunkel, denn es ist noch vor acht Uhr. Ich flüstere dem Mann ins Ohr, dass ich schon aufstehe und schleiche über die knarrende Holztreppe nach unten. Ich ziehe mir Wollsocken über die nackten Füße, streife die Regenhose über die Schlafanzughose. Eine Strickjacke, Regenjacke, Mütze und Gummistiefel verpacken mich außerdem wetterfest und ich trete hinaus in den Herbststurm. Aus dem Schupfen hole ich alte Plastiktüten und eine Baumschere und gehe gegen den Wind an hinauf in den Wald.
Niemand ist unterwegs, nur der Rundweg ist gelblich von der winterlichen Nachtbeleuchtung erleuchtet. Meine Stiefel lassen den nassen Boden seufzen, ich setze vorsichtig meine Schritte, um nicht auf nassen Wurzeln oder Steinen auszurutschen. Dann verlasse ich den Rundweg. Unter den Bäumen hört sich der Regen noch stärker an, es prasselt, tropft und ein überbreiter Wasserstrom bahnt sich den Weg über meine Gummistiefel hangabwärts. Im Halbdunkel entdecke ich eine Fichte, deren Zweige bis zum Boden hängen. Behutsam schneide ich einige ab und lege sie in meine Tüte. Ich rieche den harzigen Geruch, ich spüre die Nadeln, ich ahne das Grün. Auf dem Rückweg nehme ich noch ein paar andere Waldschätze mit und eine umgedrückte Kiefer bietet mir einige Äste an. Im Morgengrauen schleiche ich ins Haus zurück. Nass, schmutzig und ein bisschen ruhiger.
Als ich in den Vorraum eintrete, höre ich den Mann schon in der Küche hantieren und als ich aus der warmen Dusche komme, steht das Frühstück auf dem Tisch. Danach bin ich warm und satt, ich lege Zeitungen im Vorraum aus und breite die grünen Zweige auf ihnen zum Abtrocknen aus. Ein paar Nordmanntannenzweige konnte ich noch in der Gärtnerei erstehen. Am frühen Nachmittag nehme ich die ersten Fichtenzweige zur Hand, schneide sie auf die passende Länge zurecht und beginne, einen Kranz zu binden.
In meinem Kopf entwickelt sich eine Idee, während meine Hände mit den piksigen und etwas widerspenstigen Zutaten beschäftigt sind. Dieser Kranz kann natürlich nicht den mit den Waldheimatzweigen ersetzen. Aber er kann der andere Adventskranz sein. Wenn das Zweigepaket angekommen ist, binde ich einfach nochmal einen Adventskranz. Den einen, richtigen Adventskranz.
Den anderen Adventskranz hänge ich dann als Türkranz an die Haustüre, wo er hängen bleiben darf, bis die Weihnachtszeit vorüber ist. Wo er mich täglich begrüßen kann und mich erinnern kann, an diesen Advent, der anders ist, der aber genauso seine Berechtigung hat.
Ich bin zufrieden mit diesem anderen Adventskranz, als ich ihn auf den Holzteller für den Adventskranz lege. Er passt genau, obwohl er ein bisschen wilder, ein bisschen widerspenstiger ist. Er duftet gut, er riecht nach dem Wald hinter unserem Häuschen, er riecht nach diesem neuen Ort, an dem wir jetzt Jahr für Jahr den Advent verbringen werden. Ich stecke die Bienenwachskerzen auf, die ich wie jedes Jahr in meiner Heimatstadt gekauft habe. Vielleicht eine gute Mischung. Etwas Neues, etwas aus der Heimat.
Ich bin versöhnt mit dem anderen Adventskranz. Im Moment gefällt er mir, genau so wie er gerade ist. Und ich freue mich darauf, heute Abend "Wir sagen Euch an..." zu singen, die erste Kerze zu entzünden und den ersten Advent im Häuschen zu feiern.
Liebe Barbara,
AntwortenLöschendanke, dass du wieder da bist,
danke für diese schöne Geschichte, sie erinnert mich an eine Zeit als es mir ebenso erging.
Meine Mutter war zur Entbindung mit meinem jüngsten Bruder im Spital. Ich habe mir mit acht Jahren auch Zweige geholt und einen Kranz gebunden. Meine Mutter war ganz stolz auf diese Leistung und wenn ich mir heute einen Adventkranz binde, dann habe ich immer noch diesen ersten vor Augen.
Ich wünsche euch einen schönen Advent
liebe Grüße
Wane
Was für eine versöhnliche gute Geschichte... Was für ein schöner Kranz. Und was für ein Posttheater immer... Mein Grün fehlt diesmal auch, ich konnte nicht raus, noch zu anfällig als Rekonvaleszentin, es ist kalt und schneeregnet Strippen... Es gibt einen ganz alternativen Adventskranz diesmal..., denn natürlich muss morgen auf dem Frühstückstisch Advent sein. ;-) Hab einen schönen 1. Advent! Ghislana
AntwortenLöschenLiebe Barbara,
AntwortenLöschenbei uns ist der Advent diesmal auch anders als sonst und ich glaube, das Andere das nennt sich Leben und das ist mal ganz schön traurig und mal schrecklich schön.
Trotz allem einen schönen Advent
Alles Liebe SANDRA
Liebe Barbara,
AntwortenLöschenich freue mich sehr, wieder von Dir zu lesen!
Von Herzen wünsche ich Dir eine wunderbare Adventszeit
Ruth
Einen sehr schönen Adventskranz hast du gebunden. Vielleicht gehört das auch zu deinem Leben dazu, die neue Heimat annehmen und das alte Zuhause in Deutschland ein Stück weit zurück lassen. Ankommen im anderen Land, einen Adventskranz aus der neuen Heimat, von dem Ort, wo ihr nun zu Hause seid.
AntwortenLöschenIch lese deine Gedanken immer wieder gerne, schön, dass du wieder schreibst!
Gut gemacht! Immer einen Plan B haben. Liebe Grüsse aus der Schweiz und Heb der Sorg! Regula
AntwortenLöschenLiebe Barbara, es ist gerade nicht leicht für dich. Da kann ich deine Tränen über das falsche Paket gut verstehen! Ich freue mich, dass du dich mit deinem anderen Adventskranz noch anfreunden konntest. So selbst geplückt ist es eben doch noch ein bisschen anders.
AntwortenLöschenIch wünsche dir eine schöne, besinnliche, kerzenerhellte Adventszeit. Um das Luciafest beneide ich euch ein bisschen!
Liebe Grüße,
Kathrin
P.S.: Die Küchenbank ist aber hübsch und ich bin beeindruckt, dass ihr tatsächlich so eine alte Schlafbank als Erbstück in eurer Küche habt.