in einem Kommentar letzte Woche hast du mich gefragt, ob ich die Doku über die Arbeitsbedingungen in Schweden gesehen hätte und was ich darüber dächte. Nun schaue ich ja nicht mehr so viele Berichte über Schweden im deutschen Fernsehen an, aber dein Kommentar hatte mich neugierig gemacht. Also legte ich mich aufs Kanapee und versuchte objektiv meiner Aufgabe als Kritikerin zu walten. Leider bekam ich immer wieder Anfälle von Brechreiz und in meinem Hinterkopf dämmerte es, warum ich mir eigentlich keine Berichte über Schweden mehr im deutschen Fernsehen ansehen wollte. Das einzig legitime Fernsehprogramm, auch für Aus-/Einwanderer, ist meiner Meinung nach Inga Lindström ;-)
Nun aber zu meiner 'Filmkritik':
1. Man erfährt über Frau Van den Boom gleich zu Beginn, dass sie Autorin von Beruf ist und Schweden ihr Lieblingsland ist! Da kann man wohl schon kaum mehr eine objektive Reportage für einen öffentlich-rechtlichen Sender machen.
2. Die Reportage wurde natürlich im Sommer gemacht, vermutlich während der 20 Tage im Juli, an denen ausnahmsweise die Sonne scheint und Frau Van den Boom an Seen stehen bleiben kann und verzückt Handyfotos knipsen kann. Warum war sie nochmal in Schweden unterwegs?!
3. Frau Van den Boom oder auch die Redaktion haben sich ausschließlich Betriebe in der freien Wirtschaft ausgesucht, junge Startups, oft im IT-Bereich. Da frage ich mich schon, was ist mit den Angestellten an Schulen, Krankenhäusern, in den Kommunen und anderen öffentlichen Bereichen? Tanzen auch die Müllmänner, Straßenkehrer und Milchbauern morgens? Wenn man hier so glücklich arbeitet, warum haben gerade über 20 Hebammen und Kinderkrankenschwestern am Krankenhaus in Helsingborg gekündigt? Warum gehören Grundschullehrerinnen mit 45 Stunden/Woche und Aufgaben, die weit über den 'Lehrauftrag' hinausgehen neben Krankenschwestern zur Risikogruppe Nr. 1 für Burnout?
4. Die vorgestellten Betriebe sind alle in der Ballungsregion Südschweden angesiedelt, immer in Großstadtnähe. Was ist mit den Arbeitnehmern im Nordland? Wie glücklich ist man, wenn die Arbeitsplätze aus der Region verschwinden? Wie glücklich ist man, wenn man über eine Stunde einfach in Schnee und Dunkelheit pendeln muss, oder schließlich doch wegziehen muss, was das Land weiter entvölkert?! Warum wird im Moment in den schwedischen Medien diskutiert, ob das Norrland die neue Kolonie Südschwedens ist, das man zur vermeintlich umweltfreundlichen Stromgewinnung ausbeutet, Krankenhäuser, Schulen und anderer Service wird aber abgezogen werden?!
5. Bei ihrer Frage an Schweden gleich zu Beginn, ob sie glücklich seien, antwortet ein älterer Herr: "Wir haben gelernt zu antworten, dass wir glücklich sind. Aber es sind wohl nur wenige." Auf diese eine authentische Antwort wird aber nicht weiter eingegangen, sondern Frau Van den Boom sucht gleich weiter nach glücklichen Arbeitnehmern. Psychische Erkrankungen, Winterdepression und anderes, was in Schweden durchaus sehr häufig ist, durch alle Alters- und Gesellschaftschichten hindurch, wird nicht mit einem Wort erwähnt.
6. "Schweden ist das beste Land um Familie und Arbeitsleben zu vereinbaren". Das stimmt natürlich, wenn man sich dem nationalen Diktat unterwirft, das Kind ab 1 1/2 - 2 Jahren täglich bis zu 8 oder 9 Stunden in eine Krippe zu geben, in der vorallem unausgebildete Kräfte arbeiten (weil Frauenberufe im sozialen Bereich so grottenschlecht bezahlt werden, dass dort vorallem Studenten, Migrantinnen oder Pensionisten arbeiten, die nebenher jobben... Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber die Schweden sind was Schule und Kindergarten angeht ziemlich leicht zufrieden zu stellen, hauptsache, das Kind hat Spaß (auch besonders wichtig in der Schule!) und ist verwahrt und bekommt eine warme Mahlzeit am Tag auf Steuerkosten). Was ist aber mit den Familien, in denen jemand länger zu Hause bleiben möchte? Was ist mit denen, die ihre Kinder gerne selbst erziehen möchten? Da hat der Staat schon einen Riegel vorgeschoben, indem es kein Ehegattensplitting oder Partnerrente gibt, und will man (oft als Frau mit niedrigerem Einkommen) nicht in der Altersarmutsfalle landen, muss man früh wieder arbeiten und in die eigene Versorgung einzahlen.
7. Vielleicht hat der/die normale schwedische Angestellte in einem Betrieb auch tatsächlich weniger Stress, dafür wartet dann aber der Kunde schon mal Wochen/Monate auf sein Produkt oder die Bearbeitung der Anfrage (oder Stunden auf die Bedienung im Geschäft). Schweden ist eine Service-Wüste! Wer in den deutschsprachigen Ländern jammert, sollte mal in Schweden sein Glück versuchen...
usw.
Mein Fazit: Das war die schlechteste, verdrehteste Doku seit Langem und ich hoffe, dass ganz viele, die das gesehen haben, ihren eigenen Kopf benutzen und sich Gedanken machen, ob das wirklich so sein kann. Flacher Journalismus, der nur einmal wieder das Bullerbü-Klischee bedient, und der schwedische Tourismus-Verband lacht sich krank über die doofen Deutschen, die gratis Werbung zur besten Sendezeit machen und weiter Geld in den südschwedischen Tourismus spülen. Ich bin mir sicher, dass man auch unter deutschen Startups so innovative Betriebe findet, vielleicht in Berlin oder München, aber da hätte Frau Van der Boom ja nicht nach Schweden reisen können. Wie sagte eine Freundin von mir?! "Schreib "schwedisch" drauf und du kannst es in Deutschland für den vierfachen Preis verkaufen..." und da ist wohl was dran, auch was Berichterstattung und Information betrifft.
Liebe Jana (und liebe andere Leserinnen), ich hoffe, meine Filmkritik konnte ein bisschen Licht ins Dunkel bringen und zum Nachdenken anregen. Ich will Schweden nicht schlecht machen, aber ich wünsche mir ein realistischeres Bild von dem Land, das nur ein Land wie alle anderen ist (mit Rüstungsindustrie, Landflucht, immer noch schlechteren Arbeitsbedingungen von Frauen, Rassismus usw.). Schweden hat nur das Glück mit Projektionen und Wunschvorstellungen aufgeladen/überlagert zu sein und profitiert immens von diesem Image. Und für mich ist es extrem anstrengend, immer alles richtig stellen zu müssen...
Diese Filmkritik war aber ein Vergnügen zu schreiben (wenn man vom Brechreiz beim Dokuschauen mal absieht) und war wohl wirklich notwendig. Lies weiterhin gerne Astrid-Lindgren-Bücher oder schau auch gerne Inga Lindström-Filme, da weiß man, dass es erfundene Geschichten vor einer schönen Kulisse sind, aber glaub nicht an die modernen Schweden-Märchen, da ist meistens was faul.
p.s.: Bücher von Frau Van den Boom würde ich mir wirklich nicht kaufen!
Hallo Barbaroa,
AntwortenLöschenich hab die Dokumentation nicht gesehen, aber deine Kritik klärt, dass da ein bestimmtes Ziel verfolgt wurde. Wenn man von etwas begeistert ist, aus welchen Gründen auch immer, hat man die entsprechende Brille auf und was grad nicht ins Konzept passt, wird einfach ignoriert. Das ist leider bei vielem so, nicht nur bei Dokus.
Entfernte Verwandte von uns haben sich in Schweden Häuser gekauft, die einen als Sommerwohnsitz, die anderen um eigentlich das ganze Jahr da zu bleiben. Das sind alles Rentner, sie bekommen ihre deutsche Rente wohl weiter und nutzen die Bullerbü-Romantik.
Ich durfte als Jugendliche eine Kanufreizeit in Schweden erleben, und es war wirklich schön. Sicher hat Schweden mehrere Gesichter, die du besser kennst als wir Deutschen, die da nur mal einen Urlaub verbringen.
Ich danke dir sehr für deine Kritik, besonders wegen des Insider-Wissens. Hier in Deutschland wird Schweden nämlich wirklich oft romantisch verklärt.
LG von TAC
Liebe Barbara, das ist sehr spannend und informativ - solche Einblicke würde ich gerne auch häufiger lesen. Besagte Doku habe ich nicht gesehen, aber auch schon die typischen, Deutschen Auswanderungs-Sendungen... Und ich muss sagen, auch ich habe Schweden (so von Ferne und ohne eigene Erfahrungen) bestimmt auch idealisiert. Besonders die Kinderbetreuung war ein Thema, das ich immer als vorbildlich angesehen hatte.
AntwortenLöschenIch hoffe, Du lebst trotzdem einigermassen gerne in Schweden - frei nach dem Motto: "irgendwas ist überall"... Liebe Grüsse, Miuh
Liebe Barbara
AntwortenLöschenDein Bericht und Sichtweise über Schweden fand ich sehr interessant. Eine liebe Freundin war wegen der Arbeit ihres Mannes ein paar Jahre in Norwegen und ich glaube, da geht es recht ähnlich zu und her, besonders, was die Kinderbetreuung angeht. Sie wollte das Kind daheim behalten, wurde dann aber schon fast regelrecht angefeindet und auf Spielplätzen war untertags nichts los....Sie gab es dann auch in den Hort und "nur" für ein paar Stunden. Sie selbst konnte in Norwegen nicht arbeiten, darum war das doppelt schwer...
Ich danke Dir für Deine Einblicke! Herzlich, Rita
Liebe Barbara, ich finde es immer wieder spannend von deiner Sicht auf das Land zu lesen weil es hier in Deutschland schon oft verklärt wird, wie du und die Kommentatoren vor mir auch schon schrieben. Ein wenig ist das ja ok, von einer Reportage erwartet man zu Recht aber mehr.
AntwortenLöschenDanke auch für deine Blogpost. Ich les gerne bei und von dir!
Viele Grüße Stefanie
Hallo Barbara,
AntwortenLöschenunsere Vermieter in Schweden schimpften allerdings auch über das schwedische Schulsystem, vor allem die Tiefe des Unterrichtes würde fehlen und nur das gemacht werden, was denn die Kinder bei Laune hält. Sie staunten nicht schlecht, das unsere Kinder am Gymn. zwei Sprachen lernen, darunter Latein (wenn auch mit mäßigem Erfolg). Unsere Kritik am dt. System, das es im Gegensatz zu unserer Kindheit auch ziemlich nachgelassen hat, ließen sie kaum gelten.
Des weiteren beschwerten sie sich über die Polizei und Gesundheitsdienst. Das nämlich alles zusammengestrichen und zentralisiert wird.
Also ist bei euch auch nicht alles Gold, was glänzt. Aber so ist es überall auf der Welt.
Ich bin dann doch immer wieder schockiert über Leute aus Fernsehdokus, die auswandern und dann überrascht sind von der harten Realität.
Dennoch haben wir Schweden lieben gelernt und ich sehne mich wieder mal nach einem Urlaub oder auch mal einem eigenen Häuschen - irgendwann.
Und ich mag deinen Blog und lese gerne mit.
(meine Kritik mit dem Auswandern trifft aber nicht auf dich zu!!! - mir gefällt deine ehrliche Sicht auf die Dinge, die du immer wieder auf den Punkt bringst)
Liebe Grüße
Sandra aus Thüringen
DAAAAANKE! Edith :)
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