Die Schulkrise in Schweden
dauert an, erst am Montag kam das Magazin des Lehrerverbandes mit einem
schwarzen Umschlag und weißen Blockbuchstaben „Schulkrise“ durch den
Briefeinwurf in unsere Wohnung.
Letzte Woche habe ich daher aus
aktuellem Anlass angefangen, dieses brisante Thema etwas näher zu beleuchten,
zumal das schwedische Schulsystem in Deutschland ja immer als sehr vorbildlich
betrachtet wurde. Heute folgt Teil 2 (von 3), in dem ich einen ‚ganz normalen‘
Schultag einer schwedischen vierten Klasse beschreibe. Ich schildere hier nicht
den Schultag einer spezifischen Schulkasse an einer bestimmten Schule, sondern
ich komme ja an vielen Schulen herum und versuche von daher den Tag so
‚typisch‘ wie möglich zu zeichnen.
Es ist 7:15 Uhr und immer noch
dunkel, das Lehrerzimmer ist aber schon hell erleuchtet, die Kaffeemaschine im
Dauerbetrieb, ebenso der Kopierer. Die Lehrer verschwinden aber kurz darauf
schon wieder in ihre Klassenzimmer, u.a. um den Tagesablauf auf dem linken Rand
des Whiteboards aufzuschreiben (in Schweden gibt es keine klassischen Tafeln
mehr; die Klassenzimmer sind mit Whiteboard oder Smartboard ausgerüstet). Am
Computer wird kontrolliert, ob Krankmeldungen ins Schulnetz eingetragen wurden,
Elternmails werden gelesen und anderer digitaler Verwaltungskram wird erledigt.
Während dessen kommen auch langsam die Schüler an. In der 4. Klasse ist man
schon zu ‚cool‘ um noch ins Freizeitheim, fritids,
zu gehen, also hält man sich lieber auf dem Flur auf und erwartet die
Klassenkameraden. Die Klassenzimmertür bleibt bis pünktlich zum
Unterrichtsbeginn geschlossen, dann öffnet sie die Lehrerin und begrüßt ihre
Schüler. Niemand hat eine Schultasche dabei, manche haben nur eine Stofftasche
oder einen kleinen Rucksack in die Garderobe gehängt. Danach wird die Türe
wieder geschlossen; wer jetzt kommt, muss draußen warten bis die Morgensammlung
abgeschlossen ist, etwa 10-15 Minuten. Während der Morgensammlung wird der
Tagesplan (am Whiteboard) besprochen, besondere Vorkommnisse, der Speiseplan
usw. Oft liest die Lehrerin auch noch ein bisschen aus einem Buch vor. Nun
werden die Nachzügler eingelassen und die Schüler holen ihre Arbeitssachen aus
den Schränken. In Schweden gibt es keine Bänke mit Fach mehr, die Schüler
laufen stattdessen immer wieder zu ihren Schubladen. Es liegen auch keine
Federmäppchen auf den Tischen, die Schüler bedienen sich stattdessen aus den
Stifteschachteln, die von der Schule (= der Kommune) gestellt werden. Nur Anna-Lisa hat einen eigenen Stift dabei,
sie will heute vierfarbig mit Glitzereffekt schreiben…
Auf dem Stundenplan steht Mathe
und jeder Schüler öffnet eine andere Seite des Mathebuchs und rechnet dort
weiter, wo am Tag zuvor aufgehört wurde. Seite um Seite arbeiten sie sich durch
das Buch, manche schnell und andere versuchen, schnell zu sein, auch wenn es
ihnen nicht so gelingt. Die Lehrerin geht durch den Raum und gibt Hilfestellung
oder berichtigt einen Fehler. Olle ist mit dem ersten Mathebuch durch und
erhält von der Lehrerin ein neues Arbeitsbuch. Andere Schüler schauen neidisch
zu ihm hinüber, wären sie doch auch schon so weit. Kalle hat hingegen die Uhr fest im Blick und ruft plötzlich: „Ingrid,
es ist gleich 9 Uhr!“ Die Lehrerin, die nur mit Du und ihrem Vornamen
angesprochen wird, vergleicht die Uhrzeit und erklärt schließlich, dass nun
Pause sei. Eindrücklich weist sie darauf hin, dass die Pause bis 9:30 Uhr geht.
Die Kinder müssen eigenverantwortlich pünktlich zurückkommen, es gibt keine
Klingel und keinen Gong.
Nach der Pause ist
Naturkundeunterricht und die Schüler arbeiten zu zweit mit je einem Ipad an
einem kleinen Film über die Photosynthese. Manche sind sehr kreativ und in null
komma nix fertig, andere kauen immer noch auf dem Bleistift herum und haben
noch nicht einmal mit dem ‚Drehbuch‘ begonnen. Einige Paare brauchen auch Hilfe
bei dem Programm, mit dem sie den Film schneiden sollen. Der Lärmpegel steigt,
viele Schüler gehen nun auf den Flur oder ins Treppenhaus um dort
weiterzuarbeiten. Nach eine Stunde sammelt die Lehrerin die Schüler schließlich
wieder ein und schaltet den Beamer ein. Ein Ipad nach dem anderen wird nun
angesteckt und die 1-2 Minuten langen Filme werden gezeigt. Die Schüler geben
sich gegenseitig Feedback.
Während die Lehrerin noch die
technische Ausrüstung verstaut, drängen sich die Kinder um den Wasserhahn. Der
Filmdreh hat durstig gemacht, jeder möchte seinen Mund unter den laufenden
Wasserhahn halten (keine Trinkflaschen oder Becher). Bevor man zum Mittagessen
geht ist noch eine halbe Stunde Englisch angesagt. Die Sonderpädagogin steht
schon vor der Tür und holt einen Schüler mit besonderem Förderbedarf nach
draußen und setzt sich mit ihm an den Tisch im Flur. Im Klassenzimmer laufen
die Schüler zu den Schubladen, holen die Englischbücher und Stifte. Nach fünf
Minuten kehrt Ruhe ein und die Lehrerin erklärt die Aufgabe des Tages. Nun
arbeiten alle mit Lückentexten, manche Schüler machen aber auch gar nichts,
streunen im Klassenzimmer umher oder bemalen ihren Tisch. Kurz vor der
Mittagspause gibt die Lehrerin die einzige Hausaufgabe der Woche bekannt: Den
Text im Englischbuch üben um ihn dann vorlesen zu können.
Erleichtert strömen
anschließend alle in den Flur um sich Jacken und Stiefel anzuziehen. Hüpfend
und laufend macht sich die Klasse auf den Weg in den Speisesaal, wo das für alle
Kinder kostenlose Schulessen schon wartet. Heute gibt es Fischgratin mit
Hummersoße und Kartoffeln. „Ich habe
schon Besseres gegessen“ mault Tuva und schiebt das Essen auf dem Teller umher.
Schließlich holt sie sich Knäckebrot und beschmiert es mit Margarine. Beim
Verlassen der Mensa landet das Fischgratin im Müllsack, die Frauen in der Spüle
bekommen aber ein herzliches „Danke fürs Essen!“ und ein überzeugendes Lächeln.
Nach der Mittagspause bleibt
den Kindern noch eine halbe Stunde zum Toben, bei jedem Wetter im Freien. Um
halb eins kommen sie dann mit roten Backen und verschwitzt zurück ins
Klassenzimmer. Jeder Schüler holt sich aus der Schublade sein Buch, das er aus
der Schulbücherei ausgeliehen hat. 15 Minuten stilles Lesen steht nun auf dem
Plan und langsam kehrt Ruhe ein und auch die wuseligsten Schüler bleiben länger
auf ihrem Platz sitzen. Anschließend haben die Schüler Schwedisch und die
Lehrerin erarbeitet mit den Schülern die Kennzeichen eines Märchens. Man
unterscheidet dabei zwischen Volksmärchen und Kunstmärchen. Die Schüler
beginnen ein eigenes Märchen zu schreiben. Die letzten 15 Minuten liest die
Lehrerin ein Märchen von H.C. Andersen vor. Um 14 Uhr gehen die Schüler nach
Hause, auch wenn die Eltern erst später kommen. „Pah, Fritids, das ist ja nur was für Unterstufen-Schüler!“ ruft
Melker. Aber ein bisschen neidisch schaut er schon, als der
Freizeitpädagoge 5 Thermoskannen mit heißer Schokolade einpackt und mit den
anderen zum Eislaufplatz geht.
Die Lehrerin holt sich die 5.
Tasse Kaffee des Tages und geht zurück ins Klassenzimmer an ihren Schreibtisch.
Wieder Verwaltungsangelegenheiten im Schulnetz, den Unterricht für den nächsten
Tag vorbereiten, ein paar Telefonate. In Schweden dürfen die Lehrer nur während
der sog. Vertrauenszeit zu Hause arbeiten, etwa 1 Stunde täglich. Alles andere
muss am Arbeitsplatz erledigt werden. Um 16:30 Uhr schließt die Lehrerin das
Klassenzimmer ab. Draußen ist es schon wieder dunkel. Als sie über den Hof
geht, kommen die jüngeren Kinder glücklich vom Schlittschuhlaufen zurück.
Eltern eilen hektisch zur Fritids um die Kinder in Empfang zu nehmen.
Nächste Woche kommt dann der 3.
Teil: Wo kriselt es konkret?

Danke für diesen informativen Post über den Schulalltag in Schweden.
AntwortenLöschenWirklich sehr interessant.
HG sendet Dir
Birgit
Ja, ich bedanke mich auch für diesen Bericht. Ich finde ihn hochinteressant, da ich selber Grundschullehrerin in Deutschland (Essen) bin und das skandinavische Schulsystem ja wirklich hier in Deutschland als das große Vorbild gilt. Aber was du schreibst ist sehr interessant, weil man es aus einem anderen Blickwinkel beschrieben bekommt.
AntwortenLöschenHerzliche Grüße,
Astrid
Hej!
AntwortenLöschenInteressant zu lesen wie du den Schulalltag beschreibst. Bin selbst vor 6 Jahren von Berlin nach Schweden uebergesiedelt. Habe doch nie einen richtigen einblick in das Schulwesen gewonnen.
Danke fuer die Uebersetzung des lady sweaters, mein zweiter ist grade in arbeit.
Wir leben etwas suedlicher, versinken aber auch grade im Schnee. 60 grad ist das Uppsala län?
Werde deinen blogg weiterverfolgen, spannand :)
Hälsningar
Bettina
Ich bin durch Zufall hier hereingestolpert und finde deine Schilderung des schwedischen Schulalltags wirklich superinteressant.
AntwortenLöschenUnter anderem auch deswegen, weil ich mir wünsche, dass auch in Deutschland die Lehrer ihre Arbeitszeit an der Schule ableisten sollten (also Vorbereitung und Korrektur, etc). Ich denke es würde manchen Vorurteilen entgegenwirken und außerdem manche Lehrer vor dem Burnout schützen.
Da bin ich ja gespannt, was du zur Schulkrise schreibst. Mein letzter Stand ist offensichtlich total veraltet, ich habe Schweden (stärker allerdings noch Finnland) immer noch als Vorbild für die Änderungen in D im Ohr.
LG frifris