Mittwoch, 29. Januar 2014

Pisa-Schock in Schweden - Teil 2: Schulalltag



Die Schulkrise in Schweden dauert an, erst am Montag kam das Magazin des Lehrerverbandes mit einem schwarzen Umschlag und weißen Blockbuchstaben „Schulkrise“ durch den Briefeinwurf in unsere Wohnung.
Letzte Woche habe ich daher aus aktuellem Anlass angefangen, dieses brisante Thema etwas näher zu beleuchten, zumal das schwedische Schulsystem in Deutschland ja immer als sehr vorbildlich betrachtet wurde. Heute folgt Teil 2 (von 3), in dem ich einen ‚ganz normalen‘ Schultag einer schwedischen vierten Klasse beschreibe. Ich schildere hier nicht den Schultag einer spezifischen Schulkasse an einer bestimmten Schule, sondern ich komme ja an vielen Schulen herum und versuche von daher den Tag so ‚typisch‘ wie möglich zu zeichnen.

Es ist 7:15 Uhr und immer noch dunkel, das Lehrerzimmer ist aber schon hell erleuchtet, die Kaffeemaschine im Dauerbetrieb, ebenso der Kopierer. Die Lehrer verschwinden aber kurz darauf schon wieder in ihre Klassenzimmer, u.a. um den Tagesablauf auf dem linken Rand des Whiteboards aufzuschreiben (in Schweden gibt es keine klassischen Tafeln mehr; die Klassenzimmer sind mit Whiteboard oder Smartboard ausgerüstet). Am Computer wird kontrolliert, ob Krankmeldungen ins Schulnetz eingetragen wurden, Elternmails werden gelesen und anderer digitaler Verwaltungskram wird erledigt. Während dessen kommen auch langsam die Schüler an. In der 4. Klasse ist man schon zu ‚cool‘ um noch ins Freizeitheim, fritids, zu gehen, also hält man sich lieber auf dem Flur auf und erwartet die Klassenkameraden. Die Klassenzimmertür bleibt bis pünktlich zum Unterrichtsbeginn geschlossen, dann öffnet sie die Lehrerin und begrüßt ihre Schüler. Niemand hat eine Schultasche dabei, manche haben nur eine Stofftasche oder einen kleinen Rucksack in die Garderobe gehängt. Danach wird die Türe wieder geschlossen; wer jetzt kommt, muss draußen warten bis die Morgensammlung abgeschlossen ist, etwa 10-15 Minuten. Während der Morgensammlung wird der Tagesplan (am Whiteboard) besprochen, besondere Vorkommnisse, der Speiseplan usw. Oft liest die Lehrerin auch noch ein bisschen aus einem Buch vor. Nun werden die Nachzügler eingelassen und die Schüler holen ihre Arbeitssachen aus den Schränken. In Schweden gibt es keine Bänke mit Fach mehr, die Schüler laufen stattdessen immer wieder zu ihren Schubladen. Es liegen auch keine Federmäppchen auf den Tischen, die Schüler bedienen sich stattdessen aus den Stifteschachteln, die von der Schule (= der Kommune) gestellt werden. Nur Anna-Lisa hat einen eigenen Stift dabei, sie will heute vierfarbig mit Glitzereffekt schreiben…
Auf dem Stundenplan steht Mathe und jeder Schüler öffnet eine andere Seite des Mathebuchs und rechnet dort weiter, wo am Tag zuvor aufgehört wurde. Seite um Seite arbeiten sie sich durch das Buch, manche schnell und andere versuchen, schnell zu sein, auch wenn es ihnen nicht so gelingt. Die Lehrerin geht durch den Raum und gibt Hilfestellung oder berichtigt einen Fehler. Olle ist mit dem ersten Mathebuch durch und erhält von der Lehrerin ein neues Arbeitsbuch. Andere Schüler schauen neidisch zu ihm hinüber, wären sie doch auch schon so weit. Kalle hat hingegen die Uhr fest im Blick und ruft plötzlich: „Ingrid, es ist gleich 9 Uhr!“ Die Lehrerin, die nur mit Du und ihrem Vornamen angesprochen wird, vergleicht die Uhrzeit und erklärt schließlich, dass nun Pause sei. Eindrücklich weist sie darauf hin, dass die Pause bis 9:30 Uhr geht. Die Kinder müssen eigenverantwortlich pünktlich zurückkommen, es gibt keine Klingel und keinen Gong.
Nach der Pause ist Naturkundeunterricht und die Schüler arbeiten zu zweit mit je einem Ipad an einem kleinen Film über die Photosynthese. Manche sind sehr kreativ und in null komma nix fertig, andere kauen immer noch auf dem Bleistift herum und haben noch nicht einmal mit dem ‚Drehbuch‘ begonnen. Einige Paare brauchen auch Hilfe bei dem Programm, mit dem sie den Film schneiden sollen. Der Lärmpegel steigt, viele Schüler gehen nun auf den Flur oder ins Treppenhaus um dort weiterzuarbeiten. Nach eine Stunde sammelt die Lehrerin die Schüler schließlich wieder ein und schaltet den Beamer ein. Ein Ipad nach dem anderen wird nun angesteckt und die 1-2 Minuten langen Filme werden gezeigt. Die Schüler geben sich gegenseitig Feedback.
Während die Lehrerin noch die technische Ausrüstung verstaut, drängen sich die Kinder um den Wasserhahn. Der Filmdreh hat durstig gemacht, jeder möchte seinen Mund unter den laufenden Wasserhahn halten (keine Trinkflaschen oder Becher). Bevor man zum Mittagessen geht ist noch eine halbe Stunde Englisch angesagt. Die Sonderpädagogin steht schon vor der Tür und holt einen Schüler mit besonderem Förderbedarf nach draußen und setzt sich mit ihm an den Tisch im Flur. Im Klassenzimmer laufen die Schüler zu den Schubladen, holen die Englischbücher und Stifte. Nach fünf Minuten kehrt Ruhe ein und die Lehrerin erklärt die Aufgabe des Tages. Nun arbeiten alle mit Lückentexten, manche Schüler machen aber auch gar nichts, streunen im Klassenzimmer umher oder bemalen ihren Tisch. Kurz vor der Mittagspause gibt die Lehrerin die einzige Hausaufgabe der Woche bekannt: Den Text im Englischbuch üben um ihn dann vorlesen zu können.
Erleichtert strömen anschließend alle in den Flur um sich Jacken und Stiefel anzuziehen. Hüpfend und laufend macht sich die Klasse auf den Weg in den Speisesaal, wo das für alle Kinder kostenlose Schulessen schon wartet. Heute gibt es Fischgratin mit Hummersoße und Kartoffeln. „Ich habe schon Besseres gegessen“ mault Tuva und schiebt das Essen auf dem Teller umher. Schließlich holt sie sich Knäckebrot und beschmiert es mit Margarine. Beim Verlassen der Mensa landet das Fischgratin im Müllsack, die Frauen in der Spüle bekommen aber ein herzliches „Danke fürs Essen!“ und ein überzeugendes Lächeln.
Nach der Mittagspause bleibt den Kindern noch eine halbe Stunde zum Toben, bei jedem Wetter im Freien. Um halb eins kommen sie dann mit roten Backen und verschwitzt zurück ins Klassenzimmer. Jeder Schüler holt sich aus der Schublade sein Buch, das er aus der Schulbücherei ausgeliehen hat. 15 Minuten stilles Lesen steht nun auf dem Plan und langsam kehrt Ruhe ein und auch die wuseligsten Schüler bleiben länger auf ihrem Platz sitzen. Anschließend haben die Schüler Schwedisch und die Lehrerin erarbeitet mit den Schülern die Kennzeichen eines Märchens. Man unterscheidet dabei zwischen Volksmärchen und Kunstmärchen. Die Schüler beginnen ein eigenes Märchen zu schreiben. Die letzten 15 Minuten liest die Lehrerin ein Märchen von H.C. Andersen vor. Um 14 Uhr gehen die Schüler nach Hause, auch wenn die Eltern erst später kommen. „Pah, Fritids, das ist ja nur was für Unterstufen-Schüler!“ ruft Melker. Aber ein bisschen neidisch schaut er schon, als der Freizeitpädagoge 5 Thermoskannen mit heißer Schokolade einpackt und mit den anderen zum Eislaufplatz geht.
Die Lehrerin holt sich die 5. Tasse Kaffee des Tages und geht zurück ins Klassenzimmer an ihren Schreibtisch. Wieder Verwaltungsangelegenheiten im Schulnetz, den Unterricht für den nächsten Tag vorbereiten, ein paar Telefonate. In Schweden dürfen die Lehrer nur während der sog. Vertrauenszeit zu Hause arbeiten, etwa 1 Stunde täglich. Alles andere muss am Arbeitsplatz erledigt werden. Um 16:30 Uhr schließt die Lehrerin das Klassenzimmer ab. Draußen ist es schon wieder dunkel. Als sie über den Hof geht, kommen die jüngeren Kinder glücklich vom Schlittschuhlaufen zurück. Eltern eilen hektisch zur Fritids um die Kinder in Empfang zu nehmen.

Nächste Woche kommt dann der 3. Teil: Wo kriselt es konkret?

4 Kommentare:

  1. Danke für diesen informativen Post über den Schulalltag in Schweden.
    Wirklich sehr interessant.
    HG sendet Dir
    Birgit

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  2. Ja, ich bedanke mich auch für diesen Bericht. Ich finde ihn hochinteressant, da ich selber Grundschullehrerin in Deutschland (Essen) bin und das skandinavische Schulsystem ja wirklich hier in Deutschland als das große Vorbild gilt. Aber was du schreibst ist sehr interessant, weil man es aus einem anderen Blickwinkel beschrieben bekommt.

    Herzliche Grüße,
    Astrid

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  3. Hej!
    Interessant zu lesen wie du den Schulalltag beschreibst. Bin selbst vor 6 Jahren von Berlin nach Schweden uebergesiedelt. Habe doch nie einen richtigen einblick in das Schulwesen gewonnen.
    Danke fuer die Uebersetzung des lady sweaters, mein zweiter ist grade in arbeit.
    Wir leben etwas suedlicher, versinken aber auch grade im Schnee. 60 grad ist das Uppsala län?
    Werde deinen blogg weiterverfolgen, spannand :)

    Hälsningar
    Bettina

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  4. Ich bin durch Zufall hier hereingestolpert und finde deine Schilderung des schwedischen Schulalltags wirklich superinteressant.
    Unter anderem auch deswegen, weil ich mir wünsche, dass auch in Deutschland die Lehrer ihre Arbeitszeit an der Schule ableisten sollten (also Vorbereitung und Korrektur, etc). Ich denke es würde manchen Vorurteilen entgegenwirken und außerdem manche Lehrer vor dem Burnout schützen.
    Da bin ich ja gespannt, was du zur Schulkrise schreibst. Mein letzter Stand ist offensichtlich total veraltet, ich habe Schweden (stärker allerdings noch Finnland) immer noch als Vorbild für die Änderungen in D im Ohr.

    LG frifris

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